7. September 2025: Eröffnung des 59. Lehrgangs der Wiener Parteischule – Therese Schlesinger Lehrgang

Am Mittwoch, dem 20. August, starteten mehr als 30 neue Teilnehmer:innen ihre Ausbildung in politischer Theorie und Praxis. Im Rahmen des Eröffnungswochenendes entschieden die Teilnehmer:innen selbst, ihrem Jahrgang den Namen Therese-Schlesinger-Lehrgang zu geben – in Erinnerung an die bedeutende Pionierin der österreichischen Frauen- und Arbeiter:innenbewegung.

Begrüßt wurden die Anwesenden von verschiedenen Politiker:innen aus der Wiener und österreichischen Sozialdemokratie.

Den Auftakt machte Ernst Woller, Vorsitzender der Wiener SPÖ-Bildung und Landtagspräsident a.D.. Er hob hervor, wie sehr es ihn freue, dass die Parteischule auch nach fast 80 Jahren ihres Bestehens so viele neue Gesichter anziehe: „Das zeigt, dass die Parteischule in ihrer jetzigen Form weiterhin ihre Berechtigung hat.“

Nationalrätin Petra Bayr, Präsidentin des Kuratoriums der Wiener Bildungsakademie, unterstrich in ihrer Rede die besondere Bedeutung von Bildung in einer Zeit globaler Umbrüche. Als außen- und entwicklungspolitische Sprecherin der SPÖ wies sie darauf hin, wie sehr internationale Entwicklungen auf nationale Politik wirken – und wie entscheidend fundierte Bildungsarbeit dabei sei.

Prof. Dr. Gerhard Schmid, Landtagspräsident und Vorsitzender der SPÖ-Bildung, sprach über den Wert von Bildung für die Demokratie. „Politisches Engagement braucht fundiertes Wissen, Reflexion und Vorbereitung. Nur so kann Verantwortung kompetent übernommen werden. Unsere Bewegung ist historisch als Bildungsorganisation entstanden – dieses Erbe tragen wir weiter. Politische Arbeit ist immer auch Bildungsarbeit, und die Parteischule ist dafür ein unverzichtbares Instrument.“ Er verwies ebenso darauf, dass der Leiter der Wiener Parteischule, Wolfgang Markytan, zugleich SPÖ-Bundesbildungsgeschäftsführer ist. Daraus ergebe sich eine enge Verflechtung zwischen der Ausbildung in der Wiener Parteischule und der bundesweiten Bildungsarbeit.

Mag. Marcus Schober, Wiener Landtagsabgeordneter und stellvertretender Vorsitzender der Wiener SPÖ-Bildung, stellte den hohen Stellenwert der Ausbildung heraus: „Heute ist es bei vielen, die beim Wiener Landesparteitag aktiv sind, nicht die Frage, ob sie die Parteischule besucht haben, sondern welchen Lehrgang.“

Mag.a Maria Maltschnig, Direktorin des Karl-Renner-Instituts, betonte die enge Zusammenarbeit zwischen ihrer Institution und der Wiener Bildungsakademie. Sie stellte das Programm des Instituts vor und verwies auf die sinnvolle Ergänzung der beiden Ausbildungswege.

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Am darauffolgenden Wochenende kamen die Teilnehmer:innen in Neudörfl zusammen, um die ersten Arbeitsschritte zu setzen und sich besser kennenzulernen. Auf dem Weg dorthin besuchte die Gruppe auch die Gedenkstätte Wöllersdorf. Dort befand sich das erste Anhaltelager auf österreichischem Boden – eine Vorform der späteren Konzentrationslager, das von den austrofaschistischen Regierungen errichtet wurde. Unter anderem war hier Bruno Kreisky inhaftiert, bevor er ins Exil musste. Die Teilnehmer:innen gedachten an diesem Ort der Opfer und hielten ein gemeinsames Erinnerungsfoto fest.

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Ein weiterer Programmpunkt war der Besuch bei Bürgermeister Dieter Posch, der beim Gründungshaus der ersten sozialdemokratischen Partei auf österreichischem Boden einen Vortrag hielt. Er schilderte nicht nur die historische Bedeutung des Ortes, sondern auch dessen aktuelle Nutzung als Flüchtlingsheim für unbegleitete Jugendliche. Posch hob hervor, dass hier große Erfolge in der Integration erzielt werden: Viele Bewohner:innen arbeiten heute im regulären Arbeitsmarkt, manche sogar in der Gemeinde selbst.

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Einen weiteren Input gab GVV-Bundesgeschäftsführer Martin Giefing, der die aktuellen Herausforderungen vieler Gemeinden darlegte. Angesichts enormen finanziellen Drucks sei politisches Gestalten oft schwierig geworden. Gerade deshalb sei es von großem Wert, dass sich junge Menschen entschließen, eine umfassende politische Ausbildung zu absolvieren.

Zum Abschluss fasste der Leiter der Wiener Parteischule, SPÖ-Bundesbildungsgeschäftsführer Wolfgang Markytan, die Bedeutung der Bildungsarbeit zusammen: „In meiner 20-jährigen Tätigkeit als Leiter der Wiener Parteischule war es mir möglich, hunderte Funktionär:innen sowie Mandatar:innen auszubilden. Ich freue mich ganz besonders, dass derzeit zwei Absolvent:innen der Wiener Parteischule im Nationalrat sitzen, neun Absolvent:innen im Wiener Landtag tätig sind sowie rund 130 Absolvent:innen in den verschiedenen Wiener Bezirksparlamenten mitarbeiten. Die Ausbildung wird seit vielen Jahren kontinuierlich angepasst, um anhand der Rückmeldungen der Teilnehmer:innen die Qualität weiter zu verbessern. Es ist ein besonderes Gefühl, gemeinsam einen neuen Lehrgang zu starten, Erfahrungen auszutauschen und ein Netzwerk aufzubauen. Mein Dank gilt vor allem auch den ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen, die durch ihr Engagement sicherstellen, dass diese Ausbildung in einer ausgezeichneten Weise durchgeführt werden kann.“

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Kurzportrait: Therese Schlesinger (1863–1940)

Die Teilnehmer:innen entschieden sich, ihren Lehrgang nach Therese Schlesinger zu benennen – einer herausragenden Vorkämpferin für Demokratie und Gleichberechtigung.

  • Geboren 1863 in Wien, war sie Mitgründerin des Vereins sozialdemokratischer Frauen und Mädchen (1902) und Vorsitzende des ersten österreichischen Frauentages (1911).
  • Sie kämpfte für Bildung, Arbeitsschutz und das Frauenwahlrecht, war Herausgeberin der Wochenzeitung Die Wählerin und eine der ersten sozialdemokratischen Abgeordneten im Nationalrat und Bundesrat.
  • Schlesinger engagierte sich im linken Flügel der Sozialdemokratie, trat entschieden gegen Krieg auf und war eine zentrale Figur der frühen sozialistischen Frauenbewegung.
  • Nach 1938 musste sie vor den Nationalsozialisten fliehen und starb 1940 im französischen Exil.
  • Ihr Vermächtnis lebt weiter – unter anderem im nach ihr benannten Therese-Schlesinger-Hof in Wien.

Mit dieser Entscheidung bekennt sich der 59. Lehrgang bewusst zu einer Tradition, die Gleichstellung, Demokratie und soziale Gerechtigkeit ins Zentrum stellt.

Bilder: Christian Bader, Jürgen Engelmaier, Gregor Novak und VGWM

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