6. Jänner 2023: Vinzenz Muchitsch: Ein Name, der eine Ära prägte

Vinzenz Muchitsch, der am 25. Februar 1873 in St. Leonhard bei Marburg als Sohn eines Schneiders zur Welt kam, sollte später die politische Landschaft der Steiermark grundlegend verändern.

Bereits mit elf Jahren verließ Vinzenz Muchitsch seinen Heimatort, ging nach Graz, besuchte hier die Volksschule und schloss eine Lehre als Bäcker ab. Muchitsch erlebte hautnah am eigenen Leib die skandalösen Zustände im Bäckereigewerbe der damaligen Zeit. Er gründete zusammen mit Bäckergehilfen auf genossenschaftlicher Basis die Arbeiterbäckerei in Eggenberg. Hier, in Graz, setze er den Grundstein seiner politischen Karriere. Seit 1893 in der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung aktiv, wurde er im Jahr 1898 Sekretär der Gewerkschaftskommission Graz. Seine verstärkte Gewerkschaftstätigkeit brachte ihm eine siebenmonatige Gefängnisstrafe ein. 1903 (nach anderen Angaben 1904) wurde er Mitglied des Grazer Gemeinderates und 1907 Reichsratsabgeordneter. Als Obmann der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse in der Steiermark von 1905-1928 beteiligte sich Muchitsch maßgebend an grundlegenden Statutenänderungen und Reformen der Kasse.

Gemeinsam mit Hans Resel war Muchitsch Besitzer der Druckerei „Vorwärts“ und Administrator und Verleger der sozialdemokratischen Tageszeitung „Arbeiterwille“, welche ab 1912 im damaligen Parteihaus der steirischen Arbeiterschaft in Graz (heute: Arbeiterkammer Steiermark) untergebracht war.

Am 13. Juni 1919 erfolgte Vinzenz Muchitschs Wahl zum ersten sozialdemokratischen Bürgermeister der Stadt Graz. Mit dem Antritt seines Amtes leitete er eine sozialdemokratische Ära in Graz ein. Eine Ära, die – leider oft unzureichend – gegen eine strukturelle Dauerarbeitslosigkeit anzukämpfen versuchte. In diesem Sinne setzte er sich stark für die Erhaltung der parlamentarischen Demokratie ein. Dieser unermüdliche Einsatz war dem steirischen Landeshauptmann Dr. Anton Rintelen (Christlichsoziale Partei) ein Dorn im Auge. Rintelen, dessen Amtszeit mit Muchitschs fast zur Gänze ident war, hegte als „Sozialistenhasser“ ein starkes Interesse daran, die parlamentarische Demokratie zu demontieren.

Es gelang Muchitsch die bestehende Wohnungsnot in Graz, durch die Bekämpfung der Spekulation mit leerstehenden Wohnungen und durch das Schaffen von neuem Wohnraum, zu mildern. Diese und weitere sozialfürsorgliche Maßnahmen ebneten den Weg für bahnbrechende Veränderungen im Grazer Stadtbild. Mit dem „Roten Wien“ als Vorbild wurden in Graz Gemeindewohnanlagen (Versorgung der Haushalte mit Strom, Gas und Wasser), Freizeiteinrichtungen (Augartenbad, Rosenhain), Schulen (Hauptschule am Fröbelpark) und Kanalisationssysteme errichtet. Mit den Jahren erlangte Muchitsch große Beliebtheit, auch über die Parteigrenzen hinaus. 1933 wurde ihm anlässlich seines 60. Geburtstages aus Anerkennung seiner Leistungen die Ehrenbürgerschaft der Landeshauptstadt Graz verliehen.

Im Februar 1934 wurde er vom autoritären Dollfuß-Regime aus allen Ämtern entfernt und inhaftiert. Vinzenz Muchitsch verstarb am 7. September 1942 in Mitterlassnitz (heute Gemeinde Nestelbach bei Graz).

Sofia Grabuschnig

Foto: Muchitsch2.jpg Credits: AK Stmk.

Fototext: Vinzenz Muchitsch bei der Eröffnung des Augartenbades im Juli 1930

Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer 4/2022“ http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2022/12/FK_2022_04_WEB.pdf

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