17. August 2026: Licht, Luft und Schatten. Wiener Gemeindebauten in Austrofaschismus und NS-Zeit

Die sozialpolitischen Maßnahmen der Gemeinde Wien im Bereich der Wohnungspolitik sind seit dem Ende des Ersten Weltkrieges untrennbar mit dem sozialen Wohnbau verbunden. Zwischen 1918 und 1945 waren die Gemeindebauten Horte der Solidarität und des Widerstandes, aber auch Orte der Verfolgung.

Der Sammelband „Licht, Luft und Schatten. Wiener Gemeindebauten in Austrofaschismus und NS-Zeit“ widmet sich dem Schicksal von jüdischen und widerständigen Menschen im Austrofaschismus und Nationalsozialismus.

Wiener Wohnen beauftragte das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes im September 2022 mit der Erforschung der Geschichte der Wiener Gemeindebauten zur Zeit des Nationalsozialismus. Ziel des im Februar 2025 abgeschlossenen Projekts war einerseits eine Aktualisierung der 1996 von Herbert Exenberger, Johann Koß und Brigitte Ungar-Klein in ihrer Publikation „Kündigungsgrund Nichtarier“ vorgelegten Opferzahlen, die aufgrund der in den vorangegangenen Jahrzehnten vom DÖW durchgeführten Projekte der namentlichen Erfassung der österreichischen Opfer der Shoah und der Opfer politischer Verfolgung möglich wurde. Darüber hinaus sollten Opferschicksale am Beispiel von ausgewählten Gemeindebauten sichtbar gemacht werden.

Neben der von Wiener Wohnen auf der Grundlage der Forschungsergebnisse des DÖW gestalteten Website https://nievergessen.wienerwohnen.at/startseite liegt seit Anfang 2026 ein von Claudia Kuretsidis-Haider im Böhlau-Verlag herausgegebener Sammelband mit dem Titel „Licht, Luft und Schatten. Wiener Gemeindebauten im Austrofaschismus und der NS-Zeit“ vor.

Nach einer Überblicksdarstellung zur Geschichte des Gemeindebaus in Wien von Peter Autengruber und Ursula Schwarz widmet sich Rudolf Müller Fragen des für Gemeindewohnungen nicht geltenden Mieterschutzes.

Mehrere Beiträge gehen anhand von ausgewählten Gemeindebauten dem Schicksal der dort lebenden Menschen nach, die als Juden/Jüdinnen gekündigt und verfolgt bzw. aufgrund ihres widerständigen Verhaltens Opfer polizeilichen Terrors und juristischen Unrechts wurden. Der Beitrag von Michael Achenbach behandelt den Goethehof vor dem Hintergrund der dortigen Kämpfe im Februar 1934 und geht quellenkritisch auf deren fotografische Überlieferung und die daraus resultierenden Narrative ein. Im Zentrum des Beitrags von Claudia Kuretsidis-Haider stehen die Schicksale der jüdischen und widerständigen BewohnerInnen des Karl-Marx-Hofs rund um den Februar 1934 und zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Wohnhausanlage „Rasenstadt“ (Johann-Mithlinger-Siedlung) war ein Ort des Widerstands gegen den Austrofaschismus und das NS-Regime. Manfred Mugrauer geht jenen GemeindebaubewohnerInnen nach, die 1938 aus rassistischen Gründen gekündigt oder aufgrund ihrer widerständigen Aktivitäten verfolgt wurden.

Während Tausende Jüdinnen und Juden aus den Wiener Gemeindebauten delogiert und viele von ihnen deportiert und ermordet wurden, gelang es einigen wenigen, im Untergrund versteckt die NS-Herrschaft zu überleben, wie Brigitte Ungar-Klein in ihrem Aufsatz nachweist. Jutta Fuchshuber hat Geschäfte, Lokale und Dienstleistungsbetriebe in Gemeindebauten recherchiert, die im Besitz von Jüdinnen und Juden waren und nach dem „Anschluss“ arisiert wurden. Wolfgang Schellenbacher stellt die namentliche Erfassung der verfolgten und im Zuge des Holocaust ermordeten BewohnerInnen der Gemeindebauten vor und reflektiert anhand ausgewählter Ego-Dokumente Erinnerungen von Delogierten an ihre Verfolgung.

Der Sandleitenhof war zu Kriegsende 1945 ein wichtiger Ort des antifaschistischen Widerstands. Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbands entwaffneten in den letzten Kriegstagen im April 1945 Wehrmachtssoldaten und Volkssturmangehörige, um eine kampflose Übergabe der Wohnhausanlage an die sowjetische Armee zu ermöglichen. Winfried R. Garscha zeigt auf, wie mit dieser einzigartigen Aktion weitere Opfer in den letzten Kriegstagen im Westen von Wien verhindert werden konnten.

Biografien von 40 verfolgten und widerständigen Menschen stellen gleichsam eine „Gedenktafel“ für diese Männer, Frauen und Kinder dar, die Opfer von Gewalt und Terror in den Gemeindebauten wurden.

Die Publikation schließt mit einer Überblicksdarstellung von Peter Autengruber und Ursula Schwarz über die Geschichte des Wiener Wohnungsamtes. Der Beitrag nimmt neben dem Austrofaschismus und der NS-Zeit auch Aufgaben und Personal des Wohnungsamtes in der Ersten Republik und im ersten Nachkriegsjahrzehnt in den Fokus.

Text: Claudia Kuretsidis-Haider
Stellvertretende wissenschaftliche Leiterin des DÖW

Titelbild/Foto: Credit: Stadt Wien / Bubu Dujmic
V. l. n. r.: Schauspielerin Maria Hofstätter, Claudia Kuretsidis-Haider, damalige Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál und Wiener Wohnen Direktorin Karin Ramser bei der Buchpräsentation

Quelle: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6

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