Am 6. August 2026 wäre Ernst Gehmacher 100 Jahre alt geworden. Der 1926 in Salzburg geborene Publizist, Meinungsforscher und Sozialwissenschaftler zählte zu jenen Persönlichkeiten, die den gesellschaftlichen Wandel Österreichs in der Zweiten Republik wissenschaftlich begleiteten und politisch mitgestalteten. Am 22. Jänner 2021 ist Ernst Gehmacher im Alter von 94 Jahren verstorben.
Nach einem Studium der Landwirtschaft an der damaligen Hochschule für Bodenkultur arbeitete Gehmacher zunächst als landwirtschaftlicher Angestellter. Die sozialen Spannungen der Nachkriegszeit und der beginnende Wandel in der Arbeitswelt führten ihn bald zur Publizistik. Von 1957 bis 1962 war er Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“ und studierte parallel dazu Soziologie. Damit verband sich früh jene Haltung, die sein späteres Wirken prägen sollte: gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur zu beschreiben, sondern sie verstehbar zu machen und im Sinne einer gerechteren Gesellschaft zu gestalten.
1965 holte Karl Blecha ihn an das neu gegründete Institut für Empirische Sozialforschung, kurz IFES. Dort wurde Gehmacher zunächst wissenschaftlicher Leiter und ab 1976 Geschäftsführer. Unter seiner Leitung entwickelte sich das IFES zu einem der führenden Meinungs- und Sozialforschungsinstitute Österreichs. Auch nach seiner Pensionierung blieb er wissenschaftlich aktiv, unter anderem als Gründer des Büros für die Organisation angewandter Sozialforschung, als Geschäftsführer des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung und als wissenschaftlicher Leiter der Paul-Lazarsfeld-Gesellschaft.
Ernst Gehmacher begleitete als Sozialforscher und Publizist wie kaum ein anderer den gesellschaftlichen Modernisierungsschub der Kreisky-Ära und der Jahrzehnte danach. Seine Arbeit stand stets im Zeichen einer Sozialwissenschaft, die praktische Bedeutung haben sollte: für Politik, Verwaltung, Bildung, Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seine Forschungsschwerpunkte reichten von Umfrageforschung, Bildungs- und Medienforschung über Policy Research bis hin zu Fragen der Lebensqualität, Glücksforschung und Sozialkapital.
Besonders sichtbar wurde sein Wirken in Wien. Große Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte wie die Errichtung der Donauinsel oder das Donaukraftwerk Freudenau wurden von ihm sozialwissenschaftlich begleitet. Auch bei wichtigen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wie der EU-Volksabstimmung, der Kampagne gegen das Ausländervolksbegehren und dem Lichtermeer spielte sozialwissenschaftliche Analyse eine bedeutende Rolle.
Für die Sozialdemokratie war Ernst Gehmacher ein wichtiger Vermittler zwischen Wissenschaft und politischer Praxis. Er referierte auch in der Wiener Parteischule der SPÖ und trug dazu bei, politische Bildung mit empirischer Analyse und gesellschaftspolitischer Orientierung zu verbinden. SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender Prof. Dr. Gerhard Schmid würdigte ihn als Persönlichkeit, der es „in beeindruckender Weise gelungen“ sei, Sozialwissenschaft mit praktischer Politik zu verbinden und damit einen wichtigen Beitrag zur politischen Qualität zu leisten.
Auch der damalige Wiener Landtagspräsident Ernst Woller hob Gehmachers unkonventionellen und wachsamen Geist hervor. Er habe die empirische Sozialforschung geprägt und politische Diskussionen entscheidend beeinflusst. Zugleich verwies Woller auf Gehmachers frühes ökologisches Denken: Er habe ökologische Verantwortung nicht nur propagiert, sondern auch gelebt.
Ernst Gehmacher war ein Forscher, der Gesellschaft als gestaltbar verstand. Seine Arbeit war geprägt von der Überzeugung, dass Demokratie auf Wissen, Beteiligung und sozialem Vertrauen beruht. Gerade darin liegt seine bleibende Bedeutung für eine sozialdemokratische Bildungsperspektive: Politik braucht Analyse, aber auch Haltung. Wissenschaft soll nicht abgehoben bleiben, sondern helfen, gesellschaftliche Probleme zu erkennen und solidarische Lösungen zu entwickeln.
Mit Ernst Gehmacher erinnern wir an einen Sozialwissenschaftler, der den Wandel Österreichs kritisch, klug und engagiert begleitet hat. Sein Wirken bleibt Teil der demokratischen und sozialdemokratischen Bildungs- und Forschungsgeschichte dieses Landes.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Gehmacher
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ernst_Gehmacher
https://www.clubofvienna.org/mitglieder/ernst-gehmacher-2/