100 Jahre Amalienbad – Ein Badepalast für alle und ein Symbol sozialer Infrastruktur im „Roten Wien“
Das Amalienbad in Wien-Favoriten zählt zu den bekanntesten Bauwerken der sozialpolitischen Reformzeit des „Roten Wien“. Am 8. Juli 1926 eröffnet, feiert das Hallenbad im Jahr 2026 sein 100-jähriges Bestehen. Eine Ausstellung im Waschsalon Karl-Marx-Hof erinnerte aus diesem Anlass an seine Entstehung und an die Bedeutung des öffentlichen Bäderwesens für die Wiener Sozialpolitik der Zwischenkriegszeit, wir verweisen an dieser Stelle auf den damaligen Beitrag auf unserer Homepage (https://spoe-bildung.at/2026/03/05/5-marz-2026-eroffnung-der-ausstellung-auch-fur-nichtschiwmmer-im-waschsalon-karl-marx-hof-1190-wien/ bzw auch hier: https://spoe-bildung.at/2026/04/30/30-april-2026-das-riesenbad-in-favoriten-das-amalienbad-feiert-runden-geburtstag/)
Der Standort am Reumannplatz, benannt nach Jakob Reumann, dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Wiens, verweist auf die politische Epoche, in der das Bad entstand. Die Stadtregierung des „Roten Wien“ setzte ab 1919 zahlreiche soziale Reformen um. Dazu gehörte auch ein umfassendes Bäderprogramm, das den hygienischen Bedürfnissen einer wachsenden Millionenstadt gerecht werden sollte. Viele Wohnungen verfügten damals über kein eigenes Badezimmer – öffentliche Badeanstalten ermöglichten daher sauberes Wasser, Körperpflege und sportliche Betätigung für breite Bevölkerungsschichten, öffentliche Bäder spielten daher eine wichtige Rolle für Gesundheit, Hygiene und körperliche Fitness. Der Ausbau solcher Einrichtungen war Teil einer breiteren sozialpolitischen Strategie, mit der die Stadt Wien eben die Lebensbedingungen und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung verbessern wollte.
Das Amalienbad, errichtet zwischen 1923 und 1926 nach Plänen der Architekten Karl Schmalhofer und Otto Nadel, wurde rasch zum Vorzeigeprojekt dieser Politik. Benannt ist das Bad nach Amalie Pölzer, einer sozialdemokratischen Gemeinderätin aus Favoriten und einer der ersten Frauen im Wiener Gemeinderat, an dieser Stelle ein Link zu einem unserer Beiträge über Amalie Pölzer: https://spoe-bildung.at/2025/12/08/8-dezember-2025-gedenken-an-amalie-polzer-ein-leben-fur-die-sozialdemokratie-21-6-1871-%e2%80%a08-12-1924/. Zeitgenössische Berichte betonten die symbolische Bedeutung dieser Namensgebung: Während Plätze im Bezirk zuvor nach Mitgliedern der Habsburgerfamilie benannt waren, erinnerte das neue Bad bewusst an eine Vertreterin der Arbeiterbewegung. Das Amalienbad galt damit als Ausdruck einer neuen städtischen Kulturpolitik. Im selben Jahr wurde übrigens auch das Ottakringer Bad eröffnet – ein weiteres Beispiel für den Ausbau der kommunalen Badeinfrastruktur in dieser Zeit.
Auch architektonisch war das Gebäude außergewöhnlich. Herzstück der Anlage ist die 14 Meter hohe Schwimmhalle mit einem Sportbecken von 33,3 Metern Länge, Tribünenplätzen und Sprungturm. Ein großes Glasdach über dem Becken ließ sich innerhalb weniger Minuten öffnen und ermöglichte so das Baden unter freiem Himmel. Ergänzt wurde die Anlage durch Wannen- und Brausebäder, Dampfbäder, Massage- und Kurabteilungen sowie Luft- und Sonnenbäder auf den Dachflächen. Rund 1.300 Personen konnten das Bad gleichzeitig nutzen.
Die Ausstattung war für die damalige Zeit bemerkenswert aufwendig. Zehntausende Quadratmeter Fliesen, hochwertige Keramik und moderne technische Anlagen machten das Bad zu einem international beachteten Beispiel des kommunalen Bäderbaus. In den Wiener Bädern war das Baden zunächst geschlechtergetrennt, und gerade die zahlreichen Einzelbrausen und Wannen machten das Bad auch für viele Frauen besonders attraktiv. Gleichzeitig diente es nicht nur der Hygiene, sondern auch dem Sport: Zur Eröffnung am 8. Juli 1926, während des ersten österreichischen Arbeiter-Turn- und Sportfestes, fanden internationale Schwimmwettkämpfe statt. Tausende Gäste aus dem In- und Ausland waren dafür nach Wien gekommen. Das Amalienbad war damit nicht nur ein Ort der Hygiene, sondern auch eine Bühne für Sport, Gemeinschaft und öffentliche Kultur.
Von konservativer Seite wurde der Bau dennoch heftig kritisiert. Gegner der sozialdemokratischen Stadtregierung sprachen von einem „kostspieligen Badepalast“, der angeblich nicht in einen Arbeiterbezirk passe. Die Bevölkerung nahm das Bad hingegen begeistert an: Schon im ersten Jahr besuchten über eine Million Menschen die Anlage und zehntausende nutzten seine Kur- und Badeangebote.
Auch im Bildungsbereich spielte das Bad eine Rolle. Ab dem Schuljahr 1926/27 wurde in Wien ein planmäßiger Schwimmunterricht für Schulkinder eingeführt. Den Schülerinnen und Schülern stellte die Stadt sogar Badekleidung zur Verfügung, um möglichst vielen Kindern das Schwimmenlernen zu ermöglichen.
Der Bau des Amalienbads steht zugleich im größeren Zusammenhang der Wiener Bädergeschichte. Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden sogenannte Tröpferlbäder, öffentliche Brausebäder, die Menschen ohne eigenes Badezimmer eine einfache Möglichkeit zur Körperpflege boten. In der Zeit des Roten Wien kamen weitere Badeanlagen hinzu – darunter Sommerbäder, Kinderfreibäder und Gemeinschaftsbäder in vielen Gemeindebauten. Diese Einrichtungen waren Teil einer umfassenden kommunalen Gesundheitspolitik.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude durch Bombentreffer schwer beschädigt. Nach 1945 erfolgte jedoch rasch der Wiederaufbau, später folgten weitere Renovierungen und Erweiterungen, zuletzt eine umfassende Generalsanierung in den 1980er-Jahren. Heute gilt das Amalienbad nicht nur als bedeutendes Beispiel der Architektur der Zwischenkriegszeit, sondern bleibt somit ein bedeutendes Beispiel für die Sozial- und Architekturgeschichte Wiens – und für eine Zeit, in der öffentliche Infrastruktur bewusst als soziale Errungenschaft für alle Menschen verstanden wurde.
Quellen:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Amalienbad
http://der-rote-blog.at/das-bad-im-proletenviertel
https://wien.orf.at/stories/3344569/#:~:text=mit%20neuer%20Ausstellung-,Das%20Amalienbad%20in%20Wien%2DFavoriten%20feiert%20heuer%20seinen%20100.%20Geburtstag,zu%2025%20Tonnen%20Kohle%20verheizt.
https://kurier.at/chronik/wien/ausstellung-wien-karl-marx-hof-auch-fuer-nichtschwimmer/403137859
Titelbild/Quelle: http://der-rote-blog.at/das-bad-im-proletenviertel