30. April 2026: Das „Riesenbad in Favoriten“ – Das Amalienbad feiert runden Geburtstag

Den Stellenwert, den der Karl-Marx-Hof im kommunalen Wohnbau des Roten Wien einnimmt, hat das Amalienbad im Bereich des Bäderwesens, weshalb es im Laufe der Zeit mit einer ganzen Reihe von Beinamen versehen wurde: Das „Riesenbad“, das „Bad im Proletenviertel“, das „städtische Prunkbad“, der „Trutzbau eines reichen Protzes“ oder auch, viel wertschätzender, der „Badepalast“ und „das Wienjuwel“. Heuer feiert das Amalienbad seinen 100. Geburtstag.

1923 beschließt die Gemeindeverwaltung zum „Wiederaufbau der Stadt“ unter anderem „den Bau einer modernen Badeanlage in Favoriten“, die „die größte in Wien werden soll“. Bereits die nackten Zahlen sprechen für sich: Zur Errichtung werden „430 Waggon Zement, 2.000 Waggon Betonschotter und 910 Waggon Ziegel“ herangeschafft. Die Rohrleitungen sind 35 Kilometer lang, 24.000 m2 Wandflächen wollen verfliest, 10.000 m2 Bodenflächen mit Klinkersteinen gepflastert werden. Das Gewicht des keramischen Belags beträgt 1.200 Tonnen, seine Montage erfordert 170.000 Arbeitsstunden. Die Baukosten betragen etwa 10 Millionen Schilling, das entspricht heute rund 50 Millionen Euro.

„Das Bad im Proletenviertel“

1925 wird der damalige Bürgerplatz in Erinnerung an den ersten Bürgermeister des Roten Wien in Reumannplatz umbenannt. Und bereits am 8. Juli 1926 kann das Amalienbad – benannt nach der Favoritner Gemeinderätin und Landtagsabgeordneten Amalie Pölzer (1871-1924) – feierlich eröffnet werden.

„Warum baut ihr dieses Bad hier, fragt man. Ja just, in diesem Proletarierbezirk haben wir dieses Bad gebaut“, bekräftigt Bürgermeister Karl Seitz, „weil wir wollen, daß Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringe. Es soll hier deutlich gezeigt werden, daß der arbeitende Mensch der Luft, des Lichtes und des Wassers bedarf.“

Die Schwimmhalle, die auch für Sportveranstaltungen konzipiert ist und deren Dach innerhalb von drei Minuten elektrisch geöffnet werden kann, wird durch Wohlfahrtsstadtrat Julius Tandler eröffnet – vom Fünfmeterbrett aus. Der stets zu Scherzen aufgelegte Tandler meint in seiner Ansprache, dass er als Vertreter der Gemeinde Wien „noch niemals auf so schwankender Grundlage gestanden sei“.

„Die größte Kundgebung, die Europa gesehen“

Die Eröffnung des Amalienbades fällt nicht zufällig in jene Woche vom 4. bis zum 11. Juli 1926, in der das erste österreichische Arbeiter-Turn- und Sportfest stattfindet, zu dem etwa 60.000 Gäste aus den Bundesländern, aber auch aus Belgien, Deutschland, Jugoslawien, Lettland, Polen, der Schweiz, der Tschechoslowakei und Ungarn in die Bundeshauptstadt strömen.

Der parteiinterne Konflikt, ob es sich beim Arbeitersport um „Erziehungssport“ oder doch um „Wehrsport“ handle, ist zu diesem Zeitpunkt längst entschieden. Schließlich, so die Arbeiter-Zeitung im Vorfeld, schmecke „der Bourgeoisie die Demokratie nicht mehr. Sie jubelt den Fascisten aller Länder zu: Mussolini, Horthy – das sind ihre Idole geworden.“ Und Julius Deutsch, Kommandant des Republikanischen Schutzbundes, bekräftigt: „So wie der Fascismus [sic] eine internationale Erscheinung, so ist der Kampf gegen den Fascismus eine internationale Notwendigkeit.“

Eine „mitteleuropäische Sehenswürdigkeit“

Doch das Amalienbad ist weit mehr als „nur“ ein Hallenbad. Schon seine avantgardistische Architektur inmitten eines Arbeiterbezirks ist eine Provokation. Und im Inneren wartet es mit modernster Technik auf. Die Zuschauerbänke für Sportveranstaltungen können über eigene Öffnungen in den Keller versenkt werden. Dort, unter dem Schwimmbecken, das auf mächtigen Stahlbetonträgern ruht, befinden sich „eine Filtrier- und Chlorisierungsanlage für das Schwimmbeckenwasser, Transformatoren-, Akkumulatoren- und Schalträume“.

Die Kohle, die die Badegäste mit Wärme versorgt, legt ihren Weg zu den Kesseln „fast selbsttätig“ zurück. „Sie kommt von der Straßenbahn über die Wage [sic], die das Gewicht notiert, zum Rost, gleitet langsam vorwärts, wird vorgewärmt, vergast und gelangt dann erst zur Verbrennung“. Auch in der hauseigenen Wäscherei erfolgt „die Entnahme der Wäsche aus den Waschmaschinen […] ohne jede Handarbeit“.

Das Amalienbad gilt als modernste Badeanstalt seiner Zeit und wird darum auch selbst bald zum Forschungsobjekt. Im August 1928 kommt eine chinesische Studienkommission auf Besuch, und auch der Wohlfahrtsausschuss der Stadt Leipzig.

Die erste städtische Kuranstalt. „Eine Wohltat für Favoriten“

Im Keller des Amalienbades befindet sich schließlich eine moderne Heil- und Kurabteilung – die erste in einem städtischen Bad. Hier gibt es Schlammbäder, elektrische Bäder, „Sol- und andre Zusatzbäder und die Gasbäder, Kohlensäure-, Sauerstoff- und Luftperlbäder“.

„Und was das wichtigste ist: die Preise für die Heilbäder sind weitaus billiger als anderswo, auch der kleine Mann wird sich den Luxus leisten dürfen, im Amalienbad sich seine Gesundheit zurückzuholen“, schreibt die Illustrierte Kronen Zeitung.

Lilli Bauer & Werner T. Bauer

Info-Box:

AUCH FÜR NICHTSCHWIMMER
100 Jahre Amalienbad und das Bäderwesen im Roten Wien

Eröffnung mit einem Tag der offenen Tür: 5.3.2026, 12–18 Uhr
Dauer der Ausstellung: 5.3.2026 – 5.9.2027
Waschsalon Karl-Marx-Hof
19., Halteraugasse 7
Do 13-18 Uhr, So 12-16 Uhr
http://www.dasrotewien-waschsalon.at

Foto: Amalienbad_Wien.jpg Credit: © Wien Museum Inv.-Nr. 238149/55

Fototext: Das Amalienbad am Reumannplatz 23 in Favoriten.

Text: erschienen in „Der sozialdemokratische Kämpfer“: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6
Link zur Gesamtausgabe: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/03/DSK_1-2-3_2026.pdf

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