Zum Gedenken an Hermann Nitsch – Künstler zwischen Provokation und Vision
Mit dem Tod von Hermann Nitsch am 18. April 2022 verlor Österreich einen der international bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen Kunst. Der in Wien geborene Maler und Aktionskünstler prägte über Jahrzehnte die österreichische und europäische Kunstszene und gilt als einer der zentralen Vertreter des Wiener Aktionismus. Nitsch wurde 83 Jahre alt.
Geboren am 29. August 1938 in Wien, absolvierte Nitsch zunächst eine Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. Nach ersten beruflichen Jahren als Gebrauchsgrafiker entwickelte er bereits Ende der 1950er-Jahre jene künstlerischen Ideen, die später sein gesamtes Werk bestimmen sollten. Dazu gehörten seine frühen Schüttbilder ebenso wie die Konzeption seines später weltbekannten Projekts, des Orgien-Mysterien-Theaters.
Dieses Theater verstand Nitsch als umfassendes Gesamtkunstwerk. Malerei, Musik, Architektur, Ritual und Performance sollten zusammenwirken, um grundlegende menschliche Erfahrungen – Leben, Tod, Ekstase und Katharsis – sinnlich erfahrbar zu machen. Seine Aktionen, die in den frühen 1960er-Jahren häufig auf Widerstand stießen und mehrfach zu Konflikten mit Behörden führten, sorgten für internationale Aufmerksamkeit und machten Nitsch zu einer der prägendsten Figuren der Avantgarde.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich sein Werk weit über Österreich hinaus. Aktionen und Ausstellungen fanden in zahlreichen europäischen und nordamerikanischen Städten statt. 1971 erwarb Nitsch das Schloss Prinzendorf im Weinviertel, das zu einem zentralen Ort seines künstlerischen Schaffens wurde. Dort veranstaltete er große Aktionen seines Orgien-Mysterien-Theaters, darunter das berühmte 6-Tage-Spiel im Jahr 1998, das als Höhepunkt seines Lebenswerks gilt.
Neben seinen Aktionen war Nitsch auch als Maler, Komponist, Schriftsteller und Bühnenkünstler tätig. Seine Werke wurden weltweit in bedeutenden Museen und Sammlungen gezeigt, darunter im Museum of Modern Art in New York, im Centre Pompidou in Paris oder im Museum Ludwig in Köln. Auch auf internationalen Ausstellungen wie der documenta in Kassel war er vertreten. Darüber hinaus brachte er seine künstlerischen Vorstellungen in Opernproduktionen ein, etwa an der Wiener Staatsoper oder bei internationalen Festivals.
Trotz seiner internationalen Anerkennung blieb Nitsch stets ein umstrittener Künstler. Seine Arbeiten, in denen reale Materialien wie Blut oder Tierkadaver Teil ritueller Handlungen wurden, lösten immer wieder heftige Debatten aus. Kritiker warfen ihm Provokation und Blasphemie vor, während Befürworter seine Arbeiten als radikale Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen des menschlichen Lebens verstanden. Gerade diese Spannung zwischen Ablehnung und Faszination machte Nitsch zu einer der prägendsten Figuren der österreichischen Kunstgeschichte.
Im Laufe seiner Karriere erhielt Nitsch zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Kunstpreis, den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst sowie den Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst. Mit dem 2007 eröffneten Hermann Nitsch Museum in Mistelbach wurde seinem Werk bereits zu Lebzeiten ein eigener musealer Ort gewidmet.
Zum Tod des Künstlers im Jahr 2022 würdigte SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender und damaliger Wiener Kultur-Gemeinderatsausschussvorsitzender Prof. Dr. Gerhard Schmid sein Lebenswerk mit eindringlichen Worten:
„Mit Hermann NITSCH verliert Österreich einen Künstler, der nicht nur einer der ganz großen unseres Landes, sondern der Weltstar der Kunst geworden ist. Nitsch, der Mitbegründer des Aktionismus, hat polarisiert, aber auch seine Gegner zur intellektuellen Auseinandersetzung mit seinem Werk gezwungen. Und dieses Werk hat immer großen Tiefgang, präzise Gestaltung und vor allem eine interdisziplinäre Ausstrahlung gehabt.“
Schmid betonte, dass Nitsch nicht allein auf seine Rolle als Aktionskünstler reduziert werden dürfe:
„Nitsch darf nicht auf Aktionismus und bildende Kunst reduziert werden, zu stark sind etwa die Einflussgrößen der Musik – etwa im Werk von Richard Wagner – oder seine eigenen feinfühligen Kompositionen. Mit Hermann NITSCH, dem Weltbürger, der zugleich auch immer volksverbunden und dem ländlichen Raum zugetan war, verlässt uns eine prägende Persönlichkeit, die menschlich unersetzbar ist.“
Hermann Nitsch hinterlässt ein Werk, das weit über einzelne Kunstgattungen hinausreicht. Seine Arbeiten verbanden Malerei, Musik, Ritual und Theater zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk, das Generationen von Künstlerinnen und Künstlern beeinflusst hat.
„In seinem Werk wird NITSCH weiterleben und vor allem hat er sich einen breiten Platz in den Geschichtsbüchern unseres Landes gesichert“, so Schmid abschließend. „Die kunstinteressierte Öffentlichkeit wird ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren.“