6. November 2022: 100 Jahre Bildung für Wien – Fragen an Bürgermeister Michael Ludwig

„ZUKUNFT, die Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur“, hat im Rahmen ihrer Ausgabe zu „100 Jahre Bildung für Wien“ ein Interview mit Wiens Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig publiziert. Das Interview führten Alessandro Barberia und Barbara Auracher-Jäger im Namen der Redaktion der ZUKUNFT.

ZUKUNFT: Lieber Herr Bürgermeister, lieber Michael. 100 Jahre Bildung für Wien: Was bleibt von der sozialdemokratischen Bildungspolitik genau 100 Jahre nachdem Wien ein eigenes Bundesland geworden und zutiefst mit der Bildungspolitik Otto Glöckels verbunden war und ist?

Michael Ludwig: Wir haben heuer ein stolzes Jubiläum begangen – am 23. Februar 1922 wurde per Bundesgesetz der Stadtschulrat für Wien errichtet, die heutige Bildungsdirektion für Wien. Das war eine wegweisende bildungspolitische Neuerung und sie ist vor allem mit Otto Glöckel verbunden, dem ersten Amtsführenden Stadtschulratspräsidenten. Er hat im Rahmen seiner Wiener Schulreform viele Neuerungen durchgesetzt und Wien damit zu einer „Musterschulstadt“ gemacht. Ich erinnere hier nur daran, dass es Glöckel ein großes Anliegen war, Kinder zu Kritikfähigkeit und selbständigem Handeln zu erziehen. Zu diesem Zweck ließ er Lehrpläne neu formulieren und modernisierte die Unterrichtsmethoden. Erstmals wurden kindgerechte Lehrbücher herausgegeben. Ebenso wurde die Lehrer*innenaus- und -fortbildung auf neue Beine gestellt. Wir bauen bis heute auf den damaligen Errungenschaften auf.

ZUKUNFT: Wo siehst Du die größten bildungspolitischen Herausforderungen für Wien, aber auch für ganz Österreich?

M. L.: Noch immer wird der Bildungsstatus in Österreich überdurchschnittlich „vererbt“. Deshalb setzen wir uns im Sinne der Bildungsgleichheit dafür ein, dass jedes Kind unabhängig von Einkommen oder Herkunft der Eltern die Chance auf beste Bildung und Ausbildung hat. Denn je höher die Bildung ist, umso geringer auch das Risiko, arbeitslos zu werden. Gleichzeitig steigen damit auch die Chancen auf demokratische Teilhabe. Bildung fördert somit nicht nur den Wohlstand, sondern auch Demokratie und den gesellschaftlichen Frieden. Und auch der fortwährende Einsatz für echte Gleichstellung von Frauen ist untrennbar mit dem Kampf für mehr Bildungsgerechtigkeit verbunden.

ZUKUNFT: Die Sozialdemokratie fordert seit jeher Gesamtschulen und Ganztagsschulen. Wo siehst Du historisch und gegenwärtig aus Wiener Perspektive die größten politischen Widerstände gegen ein Bildungssystem, in dem von Beginn an alle gleichbehandelt werden?

M. L.: Das ist historisch bedingt. Schon Glöckel ist mit seiner noch heute gültigen Vision von der Verwirklichung der Einheitsschule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen damals am Widerstand konservativer Kreise gescheitert. Mittlerweile bekommt diese vor allem ideologisch bedingte Ablehnung allerdings Risse und ich bin optimistisch, dass sich eine grundlegende Bildungsreform in absehbarer Zeit verwirklichen lässt.

ZUKUNFT: Du setzt Dich im Umfeld der Volkshochschule und der Wiener Bildung seit Jahrzehnten für eine progressive Erwachsenenbildung ein. Wo siehst Du dahingehend die Herausforderungen in der heutigen Wiener Bildungspolitik?

M. L.: Nach dem Start des kostenfreien Kindergartens von mehr als 10 Jahren haben wir einen großen Schritt gesetzt, bei dem es jetzt um die schrittweise Umsetzung geht. Die Gratis-Ganztagsschule bietet eine Verschränkung von Unterricht und Freizeitaktivitäten. Das bringt viel Zeit für Reflexion, für Bewegung, fürs Miteinanderreden, für ein gemeinsames Essen und individuelle Förderung. Das Angebot an Gratis-Ganztagsschulen wird laufend erweitert. 2021 waren es 85 Standorte. Durch Neubauten, Umbauten und Erweiterungen kommen jetzt laufend jedes Jahr bis zu zehn neue Standorte hinzu.

ZUKUNFT: Warum hat der Aspekt der Erwachsenenbildung für Dich eine so wichtige Bedeutung? Geht es dabei nur um lebenslanges Lernen oder verbindest Du damit bestimmte pädagogische Vorstellungen?

M. L.: Ich habe persönlich erfahren, welche Chancen lebenslanges Lernen eröffnet. Deshalb ist es mir auch ein ganz wichtiges Anliegen, das zu ermöglichen und zu fördern. Ich erinnere hier an die Frauenförderungsprogramme des Wiener Arbeitnehmer*innenförderungsfonds, die Joboffensive 50+ oder an die Maßnahmen im Bereich der Erwachsenenbildung. Die Wiener Volkshochschulen (VHS) sind der Bildungsnahversorger schlechthin und bieten an insgesamt 33 Standorten und 11 spezialisierten Einrichtungen hervorragende Bildungsangebote an.

ZUKUNFT: Eine Frage nach Deinem eigenen Bildungsweg: Wie hat sich Dein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte auf Deine politische Laufbahn ausgewirkt?

M. L.: Ich habe daraus gelernt, wie essenziell Bildung zur Stärkung der Demokratie ist. Und ich sehe es daher als Auftrag an, alles zu tun, damit Wien auch in Zukunft beste Bildungschancen für alle Wiener*innen bietet.

ZUKUNFT: Wie, denkst Du, wird sich die Wiener Bildungslandschaft auf dem Weg in die ZUKUNFT entwickeln?

M. L.: Wien und Otto Glöckel haben vor 100 Jahren ein Versprechen formuliert – nämlich, dass gute Bildung Chancen auf sozialen Aufstieg und Selbstverwirklichung eröffnet. Wir tun alles, um dieses Versprechen auch in Zukunft mit Leben zu erfüllen! Konkret haben wir die Mittel für Bildung im Doppelbudget 2022/23 deutlich erhöht: So steigt das Schulbudget der Stadt Wien im Jahr 2022 auf 2,01 Milliarden Euro (+ 14,4 Prozent im Vergleich zum Rechnungsabschluss 2020) und 2023 auf 2,1 Milliarden Euro. Für die Kinderbetreuung in Wien werden die finanziellen Mittel auf erstmals über 1 Milliarde Euro im Jahr 2023 gesteigert. Das sind wichtige Investitionen in die Zukunft unserer Kinder und unseres Bildungssystems.

ZUKUNFT: Lieber Herr Bürgermeister, lieber Michael, vielen Dank für das Gespräch.

MICHAEL LUDWIG

ist Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien. Er ist promovierter Politikwissenschaftler und Historiker und war jahrzehntelang in der Erwachsenenbildung tätig. Er war Landesstellenleiter des Dr.-Karl-Renner-Instituts Wien und Bildungssekretär der SPÖ Wien, Vorsitzender des Verbands Wiener Volksbildung und Vizepräsident der Österreichischen Volkshochschulen. Auch als langjähriger amtsführender Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung war und ist ihm die Bildungspolitik eine Herzensangelegenheit.

BARBARA AURACHER-JÄGER

ist in der Bildungsdirektion für Wien Abteilungsleiterin Zentralverwaltung und IKT sowie Vizepräsidentin und Vorsitzende der Jurist*innen des Bundes Sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen (BSA). Sie lebt und arbeitet in Wien.

ALESSANDRO BARBERI

ist Chefredakteur der Fachzeitschriften ZUKUNFT (www.diezukunft.at) und MEDIENIMPULSE (www.medienimpulse.at). Er ist Historiker, Bildungswissenschaftler, Medienpädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg, Wien und St. Pölten. Politisch ist er im Umfeld der SPÖ Bildung und der Sektion 32 (Wildganshof/Landstraße) aktiv. Weitere Infos und Texte online unter: https://lpm.medienbildung.ovgu.de/team/barberi/.

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