Mit Jean Ziegler ist eine der markantesten Stimmen der europäischen Linken verstummt. Der Schweizer Soziologe, Autor, Politiker und Menschenrechtsaktivist starb am 10. Juni 2026 in Genf im Alter von 92 Jahren. Über Jahrzehnte hinweg kämpfte er gegen Hunger, Ausbeutung, globale Ungleichheit und die Macht internationaler Finanz- und Wirtschaftssysteme.
Geboren wurde Jean Ziegler 1934 als Hans Ziegler in Thun. An dieser Stelle dürfen wir auf unsere damaligen Geburtstagsgrüße verweisen: https://spoe-bildung.at/2026/04/19/herzlichen-gluckwunsch-jean-ziegler/. Später studierte er Rechtswissenschaften und Soziologie und wurde Professor in Genf und Paris. Politisch engagierte er sich in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und gehörte über viele Jahre dem Schweizer Nationalrat an. International bekannt wurde er vor allem als scharfer Kritiker des globalen Kapitalismus, der Schweizer Banken und jener politischen Strukturen, die Armut und Abhängigkeit im globalen Süden aufrechterhalten.
Ziegler verstand Wissenschaft nie als neutrale Beobachtung aus sicherer Distanz. Für ihn war Analyse immer auch Verpflichtung zum Handeln. Besonders eindringlich formulierte er sein Engagement gegen den Welthunger. Als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung machte er deutlich, dass Hunger in einer Welt des Überflusses kein Naturereignis ist, sondern Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen.
Sein berühmter Satz, wonach ein Kind, das an Hunger stirbt, ermordet werde, brachte diese Haltung auf den Punkt. Ziegler wollte nicht beschwichtigen, sondern aufrütteln. Er suchte die Konfrontation mit jenen, die von Ungleichheit profitierten, und nahm dabei bewusst Widerspruch und Kritik in Kauf.
Eine besondere Verbindung bestand auch zur Sozialdemokratischen Bildungsorganisationen. Erst vor kurzem wurde Jean Ziegler mit dem 4. Marie-Jahoda-Preis für herausragende wissenschaftliche Erkenntnisse ausgezeichnet. Eine kleine Delegation der SPÖ-Bundesbildung reiste dafür in die Nähe von Genf, wo Ziegler die Gäste persönlich in seinem Haus empfing. Trotz sichtbarer körperlicher Schwäche zeigte er sich geistig hellwach, herzlich und diskussionsfreudig. Hier zum Nachlesen: https://spoe-bildung.at/2025/10/22/22-oktober-2025-jean-ziegler-mit-dem-4-marie-jahoda-preis-fur-herausragende-wissenschaftliche-erkenntnisse-geehrt/ sowie hier die Presseaussendung: https://spoe-bildung.at/2025/10/22/22-oktober-2025-presseaussendung-der-spo-bundesbildungsorganisation-spo-bildungsorganisationen-ehren-jean-ziegler-mit-dem-4-marie-jahoda-preis-fur-herausragende-wissenschaftliche-erkenntnisse/
SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender Prof. Dr. Gerhard Schmid überreichte Ziegler die Auszeichnung und würdigte ihn als Intellektuellen, der Wissenschaft und politisches Denken miteinander verband. Zieglers Werk stehe, so Schmid, für kritische Vernunft, Mut zur Wahrheit und eine unerschütterliche Menschlichkeit. Er sei ein Vorbild für alle, die Bildung als Werkzeug der Emanzipation verstehen.
Im Rückblick betont Schmid: „Jean Ziegler hat uns gelehrt, dass Bildung niemals unpolitisch ist, wenn sie den Menschen ernst nimmt. Wer Hunger, Ausbeutung und Ungerechtigkeit beim Namen nennt, verteidigt die Würde des Menschen – und genau darin lag die bleibende Kraft seines Denkens.“
Auch SPÖ-Bundesbildungsgeschäftsführer Wolfgang Markytan erinnerte an die besondere Bedeutung dieser Begegnung. Sie sei eine große Ehre gewesen und zugleich eine bewegende Erinnerung daran, wie sehr Wissenschaft und politisches Engagement einander brauchen. Ziegler habe gezeigt, wie wichtig es sei, immer wieder nach dem Warum zu fragen: nach den Ursachen von Ungerechtigkeit, nach dem Sinn von Solidarität und nach dem, was eine Gesellschaft zusammenhält.
Markytan würdigt Ziegler im Nachhinein als einen Intellektuellen, der nie bequem sein wollte: „Jean Ziegler war unbequem, weil er nicht bereit war, sich mit den Verhältnissen abzufinden. Seine Fragen nach Gerechtigkeit, Solidarität und globaler Verantwortung bleiben auch nach seinem Tod ein Auftrag an politische Bildung und demokratisches Handeln.“
Mit Werken wie „Das Imperium der Schande“, „Der Hass auf den Westen“ oder „Die Schande Europas – Von Flüchtlingen und Menschenrechten“ analysierte Ziegler die moralischen Abgründe globaler Machtverhältnisse. In seinem späten Buch „Trotz alledem! Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe“ fasste er sein lebenslanges Engagement für Gerechtigkeit, Solidarität und Menschlichkeit noch einmal zusammen. Es war ein Buch, das aufrüttelte und zugleich Mut machte.
Auch in seiner Heimat Schweiz blieb Ziegler eine umstrittene, aber unübersehbare Persönlichkeit. Er stellte die Rolle des Schweizer Finanzplatzes, das Bankgeheimnis und die internationale Verantwortung wohlhabender Staaten immer wieder grundsätzlich infrage. Gerade dadurch wurde er für viele zu einem wichtigen moralischen Stachel im politischen Betrieb.
Aus sozialdemokratischer Sicht bleibt Jean Ziegler ein Denker und Kämpfer, der zentrale Fragen unserer Zeit unermüdlich stellte: Wem dient Wirtschaft? Wer trägt Verantwortung für Armut? Wie kann globale Gerechtigkeit hergestellt werden? Und was bedeutet Solidarität über nationale Grenzen hinweg?
Sein Werk erinnert daran, dass politische Bildung mehr sein muss als Wissensvermittlung. Sie muss befähigen, Machtverhältnisse zu erkennen, Ungerechtigkeit zu benennen und demokratisch für Veränderung einzutreten. Jean Ziegler hat genau das getan – mit Leidenschaft, Schärfe und einem unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeit einer gerechteren Welt.
Sein Tod ist ein Verlust für die internationale Linke, für die Menschenrechtsbewegung und für alle, die sich gegen Hunger, Ausbeutung und Gleichgültigkeit stellen. Sein Denken bleibt Auftrag.