1. Mai 2025: Tag der Arbeit

„Hinaus zum 1. Mai!“ – Die Geschichte des Kampftags der Arbeiter*innenbewegung

Die Anfänge einer internationalen Bewegung

Die Ursprünge des 1. Mai als „Tag der Arbeit“ reichen zurück ins Jahr 1886, als in den USA ein landesweiter Generalstreik für den Achtstundentag begann. Besonders die blutigen Ereignisse rund um die Haymarket Riots in Chicago – mit dutzenden Verletzten und Toten – prägten das kollektive Gedächtnis der internationalen Arbeiter*innenbewegung.

1889 wurde beim Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris beschlossen, diesen Tag künftig als weltweiten Kampftag der Arbeiterschaft zu begehen – als Zeichen des internationalen Zusammenhalts. 400 Delegierte aus 21 Ländern – darunter Österreich, die USA und Ägypten – waren vertreten. Die österreichische Delegation wurde von Victor Adler angeführt.

Der erste Mai 1890: Eine friedliche Revolution

In Wien wurde der 1. Mai 1890 zum ersten Mal feierlich begangen – trotz massiver staatlicher Repressionen und Panikmache in den Medien. Die Regierung erklärte den Streik für illegal, Zeitungen prophezeiten Ausschreitungen und belagerten Straßen.

Doch die Arbeiter*innen zeigten eine eindrucksvolle Disziplin. Mehr als 100.000 Menschen versammelten sich friedlich im Prater. Rote Nelken im Knopfloch ersetzten verbotene Fahnen. Friedrich Engels lobte später: „Österreich, und in Österreich Wien, hat den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten begangen.“

Victor Adler selbst konnte den Tag nur aus der Zelle 32 des Wiener Landesgerichts verfolgen – er war kurz zuvor inhaftiert worden. Doch die Organisation der Maikundgebung übernahm sein enger Vertrauter Ludwig Bretschneider.

Vom Festtag zur Institution

In den folgenden Jahrzehnten wurde der 1. Mai zum Fixpunkt der sozialdemokratischen Bewegung in Österreich. Bis 1907 stand der Kampf für das allgemeine Wahlrecht im Mittelpunkt. Später rückten Frieden, Gerechtigkeit und internationale Solidarität in den Fokus.

  • 1921: Der erste zentrale Maiumzug über die Ringstraße.
  • 1926: Der erste Fackelzug der Sozialistischen Jugend.
  • 1929: Einführung des heute bekannten Formats – Bezirkszüge, Rathausplatzkundgebung, Sportfeste im Amalienbad.

Verbot und Widerstand: 1933–1945

Mit dem Austrofaschismus und später dem Nationalsozialismus wurde der 1. Mai unterdrückt. Der Maiaufmarsch wurde verboten, stattdessen versuchte die Regierung, den Tag ideologisch umzudeuten. Doch der Widerstand blieb lebendig – mit illegalen Versammlungen, roten Tüchern und heimlichen Kundgebungen im Wienerwald.

Neubeginn nach 1945

Bereits am 1. Mai 1945, wenige Wochen nach der Befreiung Wiens, fanden erste politische Kundgebungen statt. 1946 marschierten über 200.000 Menschen vor das Rathaus. Die SPÖ etablierte den 1. Mai wieder als zentrales Datum ihrer politischen Identität – nun klar abgegrenzt von der KPÖ.

Symbolik und Rituale

Der 1. Mai ist weit mehr als ein Feiertag:

  • Maiabzeichen: Seit 1890 jedes Jahr neu gestaltet.
  • Fackelzug der SJ: Tradition seit 1926.
  • Straße des Ersten Mai: Gedenkort im Prater.
  • „Sozi-Weihnachten“: Treffpunkt für Generationen.

Auch Stefan Zweig erinnerte sich lebendig an den ersten Mai 1890 – an die Angst, die sich nicht bewahrte, und an die Würde, mit der die Arbeiter*innen marschierten.

Der 1. Mai heute: Zwischen Tradition und Zukunft

Selbst in den Jahren der Pandemie 2020 und 2021, als physische Treffen nicht möglich waren, wurde der 1. Mai digital gefeiert – mit Livestreams, Botschaften und Online-Veranstaltungen. 2022 kehrten Zehntausende auf die Straße zurück.

2024 und 2025 heißt es wieder: „Hinaus zum Ersten Mai!“ – für eine gerechte Zukunft, für Solidarität, Frieden und soziale Sicherheit. Die Geschichte des 1. Mai ist lebendig. Und sie wird weitergeschrieben.

Quellen und Literatur:

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, 1944
Die Kommunistische Partei Österreichs – Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, 1987
Die Presse: 1. Mai 1890: Revolution im Spazierengehen, 2010
Das Rote Wien – Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie: 1. Mai

https://ottakring.spoe.wien/artikel/der-erste-mai

Wolfgang Maderthaner, Michaela Maier (Hrsg.), Acht Stunden aber wollen wir Mensch sein. Der 1. Mai. Geschichte und Geschichten, 2010; Harald Troch, Rebellensonntag, 1991.

Bild: SPÖ Wien, Markus Sibrawa

Hinterlasse einen Kommentar