16. August 2021: Florian Gröger

In der Ersten Republik gab es vier sozialdemokratische Landeshauptleute. Jakob Reumann und Karl Seitz, beide auch Wiener Bürgermeister, sind vielen bekannt. Albert Sever war der erste frei gewählte Landeshauptmann von Niederösterreich (!), 20. Mai 1919 bis 10. November 1920. Gen. Vinzenz Jobst hat sich auf die Spuren von Florian Gröger, Landeshauptmann von Kärnten, begeben.

Florian Gröger (1871-1927) war ein Pionier der frühen ArbeiterInnenbewegung und wurde in Oberwildgrub in Schlesien geboren. Als wandernder Handwerker bereiste
er große Teile der österreichisch-ungarischen Monarchie. 1890 reiste Gröger über Olmütz, Lundenburg (Břeclav) und Wien nach Neufeld an der Leitha, wo er in einer
Textilfabrik arbeitete. Wenige Monate später begann er, Demonstrationen der dortigen Arbeiter zu organisieren. Ab 1901 hielt Gröger sich mehrmals in Kärnten auf, wo er letztlich seine politische Heimat fand. Endgültig sesshaft wurde er hier jedoch erst 1910, zuvor leitete er in schneller Abfolge mehrere Zeitungen und Bezirkskrankenkassen
in Böhmen und Mähren.

In Klagenfurt wird er schließlich Landesparteisekretär und Redakteur der Zeitung „Volkswille“. Bei der Reichsratswahl des Jahres 1911 unterliegt er im Bezirk St. Veit
zwar seinem deutschnationalen Konkurrenten noch deutlich, wird jedoch wenige Monate später nach dem Tod Arnold Rieses bei der Villacher Ergänzungswahl vom 23.
April 1912 schon im ersten Wahlgang in den Reichsrat entsandt. Am 11. November 1918 wählt ihn die provisorische Kärntner Landesversammlung zum Stellvertreter Arthur Lemischs als Landesverweser und nach der für seine (= unsere) Partei erfolgreichen Landtagswahl vom 19. Juni 1921 wird er am 21. Juli 1921 als erster Sozialdemokrat
zum Kärntner Landeshauptmann gewählt.

Als Nachfolger Arnold Rieses, der gleich Gröger ein Sudetendeutscher war, hat er systematisch dort weiterzuarbeiten begonnen, wo Riese aufgehört hatte. In dem industriearmen Lande war die Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg noch
klein und unbedeutend. Gröger hat es durch rastlose Arbeit in den Städten und in den Dörfern verstanden, den Gedanken des Sozialismus auch in diesem Lande zu verbreiten und die Sozialdemokratie nachhaltig zu einer achtunggebietenden Position
im ganzen Lande zu führen.

Die „Politisierung der Massen“ vollzog sich in politischen und kulturellen Milieus, die vor und jenseits der organisierten Politik angesiedelt waren, Milieus, die von Vereinen
und lokalen Organisationen bevölkert waren und die über das Kommunikationsnetz einer überwiegend lokalen Presse in Schwung gehalten wurden.

Florian Gröger hat in den Kärntner Tälern die Forstarbeiter, die Keuschler und Landarbeiter für die Partei gewonnen und hat die Kärntner SDAP zu großem politischen Einfluss gebracht. Es ist nicht zuletzt das Verdienst dieses bescheidenen
Mannes, dass die junge Republik bei der Kärntner Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 einen großen Erfolg errang. Als Abgeordneter im alten Parlament Kaiser Franz
Josephs, als Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung, als Mitglied des Nationalrates, hat er stets intensiv am parlamentarischen Prozess gearbeitet. Aber ein bleibendes Verdienst hat er sich mit dem Antrag auf Erlassung der Pächterschutzverordnung erworben. Damit hat Gröger vielleicht das wichtigste Stück gesetzlichen Schutzes für die sogenannten kleinen Leute am Land durchgesetzt.
1923, als sich alle Bürgerlichen in Kärnten zu einer Einheitsfront vereinigten, um den roten Landeshauptmann zu stürzen, kehrte Gröger, der nicht mehr für den Landtag
kandidierte, in den Nationalrat zurück. Bald danach erkrankte er schwer, musste sich operieren lassen, aber auch die Operation brachte ihm keine Heilung. Er verfiel immer mehr dem tückischen Krebsleiden, das seinen Körper verwüstete. An der Wahlarbeit in
Kärnten hatte er trotz der schweren Krankheit regen Anteil genommen.

Ähnlich wie Ferdinand Hanusch versuchte Florian Gröger seine biografischen, organisatorischen und politischen Notizen zu veröffentlichen. In den frühen
1920er-Jahren hat Gröger für einen engen Kreis von Freunden eine Selbstbiographie verfasst. Die Druckschrift „Von unten auf“ ist immer noch eine wichtige Quelle
zur Entstehung und Entwicklung der Kärntner Sozialdemokratie.

Was er damals, bereits von den Schatten einer schweren Krankheit bedrängt geschrieben hat, das klingt heute wie ein Vermächtnis: „(…) es war ein beständiger Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse. Reichlichen Lohn für meine Tätigkeit habe ich in dem Bewusstsein empfangen, nach meinen schwachen Kräften beigetragen zu haben, daß die Arbeiterschaft vorwärts und aufwärts gekommen ist. Immer meine Pflicht als Arbeiter und Sozialdemokrat zu erfüllen, war meine Lebensaufgabe. Mehr habe ich nicht angestrebt. Mögen sich unsere Kinder daran ein Beispiel nehmen!“
Florian Gröger ist im Mai 1927 verhältnismäßig jung gestorben, aber wer die Geschichte seines Lebens liest, der staunt über die Vielseitigkeit seiner Arbeit und die Fülle der Erfolge, die er für seine Partei, für die Sache der Arbeiterschaft errungen hat. Sein Andenken wird mit einem Ehrengrab im Friedhof Klagenfurt-Annabichl dauerhaft in Erinnerung gehalten.

Vinzenz Jobst

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