20. Oktober 2026: Nationale Gedenkstätten in den Niederlanden – ein Beitrag aus dem „Kämpfer“

Im Frühjahr fuhr ich in die Benelux-Länder, um dort Museen und Gedenkstätten aufzusuchen, die an die NS-Verbrechen in dieser Region erinnern. Ich kenne, wir kennen, Gedenkstätten und Museen in Österreich, in Deutschland und oft auch in Polen. Westeuropa ist in unserem Bewusstsein vergleichsweise schwach vorhanden. Ja, einzelne Namen hat man natürlich schon gelesen oder gehört, aber oft gibt es noch große Wissensdefizite. Die sollten durch meine Reise verkleinert werden, das neue bzw. erweiterte Wissen teile ich mit den Leserinnen und Lesern des „Kämpfers“.

Nationale Gedenkstätte Kamp Vught

Die Kleinstadt Vught liegt etwa 3,5 km südlich der Provinzhauptstadt ’s-Hertogenbosch. Dort, im Süden der Niederlande, befand sich ab 1942 das einzige SS-Konzentrationslager außerhalb Nazi-Deutschlands. Seine offizielle Bezeichnung war Konzentrationslager Herzogenbusch, in den Niederlanden spricht man vom Kamp Vught. Besonders perfide: Die Errichtungskosten von fünfzehn Millionen Gulden (ca. 136 Mio. Euro) mussten die Juden der Niederlande tragen. Wie überall im NS-Machtbereich war die Plünderung jüdischen Eigentums ein wesentliches Mittel, um die Menschen zu isolieren und auszugrenzen. Obwohl es formal ein „richtiges“ KZ war, gab es im Lager selbst vergleichsweise niedrige Opferzahlen. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten und auch das Lager selbst am Laufen halten. Darüber hinaus wurden sie zunehmend von der deutschen Kriegsindustrie beschäftigt. Eine wichtige Werkstatt im Lager war das „Philips-Kommando“, das Anfang 1943 gegründet wurde. Unter dem Druck der Besatzer setzte die Firma Philips aus Eindhoven Häftlinge zur Arbeit ein. Sie mussten Radios löten und Dynamotaschenlampen fertigen. Außerdem gab es einen Flugzeugschrottplatz und Arbeiten außerhalb des Lagers.

Die Gefangenen kamen aus Dutzenden von Ländern, hauptsächlich aus den Niederlanden, aber auch Deutschland, Belgien, Frankreich, Norwegen, Surinam, Marokko, Polen oder Niederländisch-Ostindien.

Die 12.000 Juden, die zeitweise dort interniert waren, erwartete nach Vught ein grausamer Tod. So wurden am 6. und 7. Juni 1943 insgesamt 3.014 Menschen, darunter fast 1.300 jüdische Kinder im Alter von null bis sechzehn Jahren, auf Transport geschickt. Drei Tage später wurden sie fast alle im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen ermordet, ein oder beide Elternteil/e und die Kinder. Ein eigenes Denkmal in der Gedenkstätte erinnert daran.

Nach der Invasion der Alliierten Anfang Juni 1944 gab Berlin den Befehl: Verdächtige Gefangene können ohne Gerichtsverfahren hingerichtet werden. SS-Männer erschossen in etwa drei Monaten 329 Männer auf der Hinrichtungsstätte außerhalb des Lagers. Tausende andere Gefangene wurden kurz vor der Befreiung nach Deutschland transportiert. Schließlich wurden viele von ihnen dort getötet. Anfang September 1944 fanden die letzten Transporte statt. Als die alliierten Soldaten das KZ im Oktober 1944 erreichten, war es ruhig und leer. In der Dauerausstellung „Kamp Vught: Sieben Jahreszeiten und 32.000 Geschichten“ kann man die Vergangenheit anhand vieler persönlicher Erzählungen und Gegenstände nachvollziehen.

Das Bunkerdrama

Gewalt war in Kamp Vught immer präsent, sie war Teil des KZ-Systems. Das Wachpersonal nutzte seine Macht, um Gefangene zu bestrafen, zu misshandeln und zu demütigen. In der Nacht vom 15. auf den 16. Jänner 1944 ereignete sich das später sogenannte „Bunkerdrama“. In einer der Frauenbaracken des KZ gab es eine Frau, die andere Frauen an die Lagerkommandantur verriet, weil sie sich dafür Hafterleichterungen erhoffte. Nach ihrer Enttarnung entschlossen sich die Frauen der Baracke, die Verräterin zu bestrafen. Zwei Frauen schnitten ihr die Haare ab. Am nächsten Tag beschwerte sich die Verräterin bei der Lagerkommandantur darüber, woraufhin eine der beiden in Einzelhaft gebracht wurde. Die anderen Frauen berieten sich und übergaben schließlich der Lagerleitung eine Liste mit 89 Namen von Frauen, die ihre Solidarität erklärten. Daraufhin beschloss der Lagerkommandant Adam Grünewald, die Frauen zur Strafe in einer einzigen Zelle (Zelle 115) zusammenzupferchen. Am 15. Jänner 1944 pressten SS-Männer 74 Insassinnen in eine 9,5 m² große Zelle. Die restlichen 17 Frauen wurden in eine zweite Zelle gesperrt, mit gleicher Grundfläche. Beide Räume verfügten kaum über Ventilation. Die Frauen in Zelle 115 warfen schließlich ein kleines Fenster ein, aber da vor dem Fenster eine Verdunkelung angebracht war, half ihnen das kaum. Als am 16. Jänner die Zellentür 115 geöffnet wurde, waren zehn Frauen erstickt.

Nationale Gedenkstätte Lager Amersfoort

Auf dem historischen Gelände des Polizeilichen Durchgangslagers Amersfoort wird die Erinnerung an rund 47.000 Gefangene wachgehalten, von den historischen Gebäuden ist nichts erhalten geblieben. Im unterirdischen Museum und im rekonstruierten Innenhof erfahren BesucherInnen mithilfe eines Audioguides (NL/Eng) mehr über die Geschichte des Lagers. Zehn Gefangenengruppen und zehn Biografien von Gefangenen und Wärtern werden vorgestellt. In Videointerviews berichten ehemalige Gefangene über ihr Leben im Lager.

1939 errichtete das niederländische Militär auf dem Gelände eine Kaserne. Diese wurde bald nach dem Sieg der Deutschen im Mai 1940 von der Wehrmacht übernommen. Ein knappes Jahr später zog das Militär aus, die Baracken dienten dann als Polizeiliches Durchgangslager. Es gab einen SS-Bereich und ein Häftlingslager, das mit Stacheldraht und Wachtürmen, die mit MG und Scheinwerfern ausgerüstet waren, gesichert war. Die Häftlinge wurden zur Rodung des Waldes sowie zu Sägearbeiten im Umkreis des Lagers eingesetzt. Viele jüdische Gefangene wurden weiter in das KZ Mauthausen, in die Arbeitserziehungslager nach Essen zu den Hermann Göring Werken und in andere KZs nach Deutschland weiter transportiert. Amersfoort war zugleich auch Hinrichtungsort. Bis zur Übergabe des Lagers an das niederländische Rote Kreuz am 20. April 1945 wurden 32.500 Männer eingewiesen. Zeitweilig diente das Lager auch als „Auffanglager“ für inhaftierte Frauen und Kinder mit amerikanischer Staatsangehörigkeit.

Salomon „Monne“ Rodrigues de Miranda

war ein niederländischer Gewerkschafter und Kommunalpolitiker der Sociaal Democratische Arbeiders Partij (SDAP). Er war sephardischer Abkunft und wuchs in der Amsterdamer Jodenbuurt auf. Im Alter von elf Jahren (1886) begann er auf Anordnung seines Vaters eine Ausbildung als Diamantenschleifer, obwohl er selbst gerne weiter die Schule besucht hätte. Nach Abschluss seiner Lehre gehörte de Miranda zu den rund 10.000 Diamantenschleifern in Amsterdam, von denen 7.000 jüdischer Herkunft waren. Obwohl Diamantenschleifer von Verdienst und Prestige her in der Arbeiterschaft hoch angesiedelt waren, waren dennoch die Arbeitsbedingungen und die Absicherung der Arbeiter bei Unfällen „miserabel“ in Relation zu den hohen Gewinnen der Unternehmer. 1894 kam es zu einem Streik, bei dem ein Mindestlohn gefordert wurde; die Forderung wurde nach einem Tag erfüllt.

Aus dieser Erfahrung heraus erfolgte noch im selben Jahr die Gründung des Algemeene Nederlandsche Diamantbewerkersbonds (ANDB), der ersten modernen Gewerkschaft der Niederlande, in der zudem jüdische und christliche Arbeiter gemeinsam organisiert waren. Monne de Miranda wurde Mitglied der ANDB wie auch der SDAP und emanzipierte sich von seinem jüdischen Glauben. 1911 wurde er in den Amsterdamer Gemeinderat gewählt, dem er mit kurzen Unterbrechungen bis 1939 angehörte. Im Juli 1942 wurde de Miranda verhaftet und im Oktober darauf in das Lager Amersfoort gebracht. Der 67-jährige – ein kleiner, zierlicher Mann – wurde zur körperlich besonders schweren Arbeit im Judenkommando eingeteilt. Dabei wurde ununterbrochen auf ihn eingeschlagen. Schon nach wenigen Tagen brach er zusammen. Im Waschraum wurde er solange mit kaltem Wasser abgespritzt, bis er in der Nacht zum 3. November 1942 starb.

Westerbork

Die Erinnerung an das Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork, im Norden der Niederlande gelegen, ist räumlich zweigeteilt: Es gibt das ehemalige Lagergelände und ein Erinnerungszentrum.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das „Zentrale Flüchtlingslager Westerbork“ von den niederländischen Behörden in der Provinz Drenthe erbaut, um die große Zahl jüdischer Flüchtlinge, insbesondere aus Deutschland und Österreich, aufzufangen. Die damalige niederländische Regierung hatte, vorgeblich um die Freundschaft zu Deutschland zu bewahren, die Grenzen am 15. Dezember 1938 für Flüchtlinge geschlossen und stempelte sie so zu unerwünschten AusländerInnen, die keinesfalls integriert werden sollten. Die Flüchtlinge sollten in einem Lager, dessen Errichtung im Februar 1939 beschlossen wurde, zentral aufgefangen werden.

Am 9. Oktober 1939 kamen die ersten 22 jüdischen Internierten aus einer Gruppe von mehr als 900 deutschen Juden an, die vergeblich versucht hatten, mit dem Schiff St. Louis von Hamburg nach Kuba zu fliehen. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 wurde Kamp Westerbork im Rahmen der Besatzungspolitik weiter genutzt. Das gesamte Gelände wurde mit einem zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun, einem Graben und sieben Wachtürmen umgeben.

Soweit sie sich meldeten oder festgenommen wurden, kamen alle in die Niederlande geflohenen jüdischen Deutschen und Österreicher hierher in Haft. Danach die niederländischen Juden. Am 1. Juli 1942 wurde aus dem bisher niederländisch verwalteten Zentralen Flüchtlingslager Westerbork offiziell das „polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ unter direkter deutscher Verwaltung. Am 15. Juli begannen die Deportationen aus den gesamten Niederlanden ins Durchgangslager Westerbork, wo die SS fast alle Transporte zusammenstellte, und von dort weiter in die Vernichtungslager. Die deutschen Besatzer praktizierten wie im Kamp Amersfoort eine wohl einmalige Täuschung der Lagerinsassen: Mit einer Schule, einem Krankenhaus, einem Waisenhaus, kulturellen und sportlichen Veranstaltungen, der Abwesenheit von Terror und Gewalt wurde eine allzu trügerische Hoffnung erweckt. Die meisten Opfer waren nur wenige Tage im Lager Westerbork, wo 751 Menschen starben. Jeden Dienstag fuhr ein Zug aus Westerbork „nach Osten“, überwiegend in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Sobibór. Die Fahrt dauerte zumeist drei Tage. Insgesamt wurden von 1942 bis 1944 245 Sinti und Roma und mehr als 107.000 Juden aus den Niederlanden per Zug deportiert. Nur etwa 5.000 von ihnen überlebten und konnten zurückkehren. Der letzte Deportationszug nach Auschwitz fuhr am 3. September 1944 ab. Am 12. April 1945 wurde Westerbork von kanadischen Soldaten befreit. Zu diesem Zeitpunkt waren noch zirka 900 jüdische Häftlinge im Lager. Nach dem Krieg wurde das Lager noch viele Jahre von den niederländischen Behörden verwendet, um Mitglieder der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) und Kollaborateure ohne Prozess gefangen zu halten. In den 1960er Jahren wurden alle erhalten gebliebenen Gebäude abgerissen. Auf einem Teil des Areals stehen riesige Radioteleskope des Westerbork Synthese Radio Telescoop, das verwundert einigermaßen. Abgesehen von einigen Denkmälern (z. B „Die 102.000 Steine“, Denkmal „Die gesprochenen Namen“ und das „Nationaldenkmal Westerbork“) und Erläuterungsobjekten und den Teleskopen, beeindruckt und erschüttert die Leere des Ortes.

Erinnerungszentrum

Seit 1983 gibt es ein 2,5 km vom ehemaligen Lager entferntes Erinnerungszentrum (= Museum). Dort parkt man, denn zum ehemaligen Lager darf man mit dem PKW nicht zufahren. Dafür gibt einen Shuttlebus vom Erinnerungszentrum zum ehemaligen Lager. Je nach persönlichem Wissensstand schaut man sich zuerst die Dauerausstellung und danach das ehemalige Lagergelände an oder umgekehrt. Für beides sollte man zusammen einen halben Tag einplanen.

Resümee

Zum Unterschied von Österreich, Deutschland und den meisten anderen Ländern, wo der Besuch in Gedenkstätten des NS-Terrors gratis ist, zahlt man in den Niederlanden Eintritt (Vught € 12,00, Amersfoort € 14,00, Westerbork € 13,50). Der Grund dafür ist, dass die Trägerschaft bei den Gemeinden, nicht beim niederländischen Gesamtstaat liegt. Und noch etwas: Natürlich hat es Kollaboration gegeben, auf die wird im Artikel, weil er schon sehr lange ist, nicht mehr eingegangen! Zwischen September 1944 und Dezember 19445 wurden ca. 120.000-175.000 NiederländerInnen wegen Mitgliedschaft in der NSB, wirtschaftlicher Kollaboration oder Frauen wegen sexueller Verhältnisse zu Deutschen verhaftet und interniert.

Gerald Netzl

Web-Tipps:     http://www.nmkampvught.nl

http://www.kampamersfoort.nl

http://www.kampwesterbork.al

Titelbild/Fotos: (c) Gerald Netzl

Quelle: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/09/DSK_7-8-9_2026.pdf

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