Johanna Lehner und Anna Portenkirchner verfassten eine Masterarbeit zur Bedeutung von Gedenken und Erinnerungskultur am Beispiel der Widerstandskämpferinnen Rosa Jochmann und Käthe Sasso. In dieser Masterarbeit haben sie untersucht, welche Formen des Erinnerns an weiblichen Widerstand es gibt und inwiefern Rosa Jochmann und Käthe Sasso Teil des kollektiven Gedächtnisses des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen sind. Hier ihre Erkenntnisse:
Wie wir zu diesem Thema kamen
Unsere Idee war von Anfang an klar: eine wissenschaftliche Arbeit über Gedenken und Widerstand, mit dem Fokus auf den Widerstand von Frauen. Wir wollten damit einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten, in einem Bereich, in dem es Aufholbedarf gibt: Weiblicher Widerstand ist in der Geschichtserzählung marginalisiert und unsichtbar gemacht worden.
Uns interessierte aber nicht nur der Widerstand selbst, sondern auch die Erinnerung daran. Was heißt Erinnern, was heißt Gedenken, und wie wird erinnert? Deshalb haben wir uns mit Erinnerungstheorien befasst und die Frage an zwei Biografien geprüft. Befragt haben wir elf Verbandsmitglieder: sieben aus dem Landesverband Oberösterreich, vier aus dem Bundesverband in Wien.
Warum Jochmann und Sasso
Rosa Jochmann (1901-1994) nahm im Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen eine herausragende Stellung ein: Sie war die erste und bislang einzige Frau an seiner Spitze. Käthe Sasso (1926-2024) verband eine innige Freundschaft mit aktiven Mitgliedern des Landesverbandes Oberösterreich und sie nahm regelmäßig an Gedenkveranstaltungen teil. Beide wurden nach Ravensbrück deportiert, beide wirkten nach 1945 als Zeitzeuginnen.
Was die Gespräche zeigen
Die Erinnerungen an die beiden Frauen fallen unterschiedlich aus – vor allem zwischen Wien und Oberösterreich. Zwei Faktoren waren dabei entscheidend: das Alter der Befragten und der Grad persönlicher Nähe zur jeweiligen Widerstandskämpferin. Diese Nähe beeinflusst Art, Intensität und Struktur der Erinnerungen maßgeblich. Deutlich wurde außerdem, wie stark das Erinnern von Strukturen und Personen abhängt. Abrufbar sind vor allem jene Erinnerungen, zu denen amtierende Vorsitzende oder Funktionär:innen einen Bezug haben und auf die sie Wert legen. Auch ein Verband, der sich der Erinnerungskultur widmet, ist nicht davor gefeit, durch Schwerpunktsetzungen blinde Flecken hervorzurufen.
Hinzu kommt die regionale Verankerung: Beide Widerstandskämpferinnen sind vor allem dort präsent, wo sie nach 1945 gewirkt haben. Die Erinnerung an Käthe Sasso hängt stark an ihrer Nähe zu Oberösterreich und an direkten Kontakten zu heute aktiven Mitgliedern, von denen viele sie persönlich gekannt haben. In Wien ist sie weniger tief verankert. Umgekehrt können Verbandsmitglieder aus Wien detailliertere und persönlichere Erinnerungen an Rosa Jochmann nacherzählen, während das Erinnerungswissen in Oberösterreich geringer ausfällt. Jüngere Mitglieder stützen sich oft auf Aufzeichnungen, Bücher und Filme.
Zwei Formen des Erinnerns
Den markantesten Unterschied zwischen der Erinnerung an die beiden Widerstandskämpferinnen, macht die Form der Erinnerung. An Rosa Jochmann wird institutionalisiert erinnert: durch den jährlichen Gedenkmarsch am 1. November und durch Auszeichnungen oder Gebäude, die ihren Namen tragen. Damit kommen wir zu dem Schluss, dass sie – zumindest im Wiener Bundesverband – bereits in das kulturelle Gedächtnis übergegangen ist, also in jene Form des Erinnerns, die durch Rituale, Orte und Zeichen gesichert ist.
Die Erinnerung an Käthe Sasso beruht dagegen überwiegend auf persönlichen Begegnungen und mündlicher Weitergabe. Sie bleibt damit – so unsere Schlussfolgerung – an das kommunikative Gedächtnis gebunden, das nur so lange trägt, wie Menschen erzählen können, die dabei waren: etwa drei Generationen lang. Ob die Erinnerung auch bei nachfolgenden Mitgliedern bestehen bleibt, die ihr nie begegnet sind, ist heute offen.

Erinnerung ist Arbeit
Was bleibt, ist eine Einsicht, die über unsere beiden Fallbeispiele hinausreicht: Erinnerung läuft nicht von selbst. Sie ist ein arbeitsintensiver Prozess, der Wiederholung, Rituale und bewusste Entscheidungen braucht. Und sie braucht die gezielte Sichtbarmachung des Widerstandes von Frauen. Wir danken allen Interviewten für ihr Vertrauen und für ihre Erinnerungsarbeit, die sie mit großer Ernsthaftigkeit leisten!
Link zur Arbeit, unseren Handlungsempfehlungen und zu den verwendeten Quellen: https://epub.jku.at/obvulihs/content/titleinfo/14436042
Johanna Lehner und Anna Portenkirchner
Titelbild/Foto und Quelle Text: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/09/DSK_7-8-9_2026.pdf