Rudolfine „Fini“ Muhr wurde am 5. September 1900 in Wien geboren. Über ihren familiären Hintergrund ist wenig bekannt: der Vater war Hutmachergehilfe, die Mutter soll vielen Berichten zufolge die Arbeiter-Zeitung kolportiert haben.
Das kluge und aufgeweckte Mädchen besuchte die Volks- und Bürgerschule und begann später eine Lehre als Metallarbeiterin und engagierte sich im Betrieb gewerkschaftlich. Schon in jungen Jahren trat sie der Partei bei. Zu ihren politischen Vorbildern zählten Otto Bauer, Adelheid Popp und Käthe Leichter, die Gründerin des Frauenreferates der Wiener Arbeiterkammer. Als Mitglied des Netzwerkes Käthe Leichters konnte sie ihre Erfahrungen aus der Berufswelt von Metallarbeiterinnen in die Studien über Frauenarbeit in Österreich einbringen und sprach darüber auch im Radio.
Nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Februar 1934 setzte Muhr ihr Engagement in der illegalen Gewerkschaftsbewegung und bei den Revolutionären Sozialisten fort. Mit Wilhelmine Moik und Frieda Nödl war sie im Rahmen der Sozialistischen Arbeiterhilfe (SAH) tätig. Ziel war es, jene Genoss:innen und deren Familien zu unterstützen, die aufgrund politischer und gewerkschaftlicher Tätigkeiten in finanzielle Not geraten sind. Zudem war sie in der „Zentralkommission der Revolutionären Freien Gewerkschaften“ mit Schwerpunkt auf die Betriebszellen im 13., 14. und 15. Wiener Gemeindebezirk tätig. Ihre Solidarität war zudem für viele auch eine wichtige psychische Unterstützung, die im Widerstand gegen den Austrofaschismus vielfach den Verlust des Arbeitsplatzes, oft auch Haftstrafen (wie auch sie selbst) riskierten.
Über diese Zeit, aber auch über Zeit nach 1938 gibt es von Fini Muhr zahlreiche autobiografische Texte. Eine besondere Freundschaft verband sie mit Rosa Jochmann, die wie sie seit den Jugendjahren gewerkschaftlich und politisch tätig war und die aus eigener Erfahrung wusste, was es bedeutete, immer wieder verfolgt und inhaftiert zu sein. Im April 1940 wurde Muhr aus der Haft entlassen und musste entgegen ihrem Willen in der Rüstungsindustrie in einem Metallbetrieb arbeiten. Wenig später fand sie eine Arbeitsstelle bei der Nordbahn, wo sich ihr bald wieder Möglichkeiten boten, den Widerstand gegen das NS-Regime fortzusetzen. Dazu zählte das Beschaffen von persönlichen Dokumenten, die Sammlung und Zusendung von Lebensmitteln und Kleidung an inhaftierte Genoss:innen in Gefängnisse und Konzentrationslager und vieles andere mehr. Oft waren es nur Kleinigkeiten, doch war die Bedeutung für das Überleben und die Zuversicht auf den kommenden „neuen Frühling“ überlebenswichtig.
Besondere Tatkraft und Mut bewies Rudolfine Muhr im Sommer 1945 als sie und Rosa Jochmann in Wien in einen mit Proviant bepackten Transporter stiegen, um in Begleitung eines sowjetischen Offiziers die noch im befreiten Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verbliebenen Österreicherinnen nach Österreich zurückzuholen.
Nach Kriegsende war Muhr bei der österreichischen Eisenbahn tätig und zählte zu den Gründungsmitgliedern der SPÖ im Wiener Gemeindebezirk Hietzing. Im Dezember 1945 zog sie in den Wiener Landtag und Gemeinderat ein (bis Dezember 1949). Von 1959 bis 1963 war sie Frauenzentralsekretärin der SPÖ und bis 1968 Mitglied des Bundesfrauenkomitees, sie gehörte dem Bundesvorstand des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus seit dessen Gründung an. Zudem gehörte Rudolfine Muhr vom Dezember 1949 bis Juni 1969 dem österreichischen Bundesrat an. Sozial- und familienpolitische Themen, wie etwa das Mutterschutzgesetz (1957), das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz/ASVG (1955/56) und die Opferfürsorge zählten zu ihren Schwerpunkten. Hervorzuheben an dieser Stelle sei noch ihr Engagement für die 1947 gegründete Volkshilfe, war sie doch auch dort eines der Gründungsmitglieder. Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen zählte auch nach 1945 zu ihren Herzensanliegen, wofür sie auch zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Sie starb am 26. Oktober 1984 in Wien. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich bei der Feuerhalle Simmering (Abt. MRG, Nr. 74). Im öffentlichen Raum wird ihrer durch die Benennung des Rudolfine-Muhr-Hofes in der Volkgasse 1-13 gedacht und an einem Wohnblock in der Elisabethallee 22 erinnert eine Gedenktafel an Rudolfine Muhr, beide im 13. Wiener Gemeindebezirk.
Es sei „richtig und begrüßenswert, dass auch Rudolfine Muhr“ in die Publikation „Ins Rampenlicht“ ein Beitrag gewidmet, schreibt Bundespräsident a. D. Heinz Fischer in seinen persönlichen Bemerkungen über Rudolfine Muhr, sei sie doch „zeitlebens [… ] im Schatten von Rosa Jochmann“ gestanden.
Sabine Lichtenberger
Titelbild/Foto: Credit: VGA Wien
Quelle: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/09/DSK_7-8-9_2026.pdf