Raul Hilberg wurde am 2. Juni 1926 als Kind jüdischer Eltern, die von Galizien nach Wien gekommen waren, geboren und wuchs in der Brigittenau auf. Die Familie war religiös, lebte aber nicht streng orthodox. Hilbergs Vater war Zwischenhändler für Haushaltswaren. Seine Schulbildung erhielt Raul Hilberg am Chajes-Gymnasium, einem jüdischen Privatrealgymnasium in der Leopoldstadt.
Die nationalsozialistische Machtübernahme Österreichs 1938 bedeutete für die Familie Hilberg Ausgrenzung und Verfolgung. Der Vater wurde verhaftet, jedoch wegen seines Veteranenstatus aus dem Ersten Weltkrieg nach kurzer Gefangenschaft freigelassen und zur Ausreise gezwungen. In der Zwischenzeit verloren der in Wien zurückgebliebene Raul und seine Mutter ihre Wohnung, die „arisiert“ worden war, und mussten im Freundeskreis unterkommen. Aufgrund der bisherigen Erlebnisse entschieden sich die Eltern zur Flucht. Am 1. April 1939 verließ die Familie Wien Richtung Frankreich, verbrachte eine Woche in Paris und bestieg schließlich ein Schiff nach Kuba. Nach einer mehrmonatigen Wartezeit in Havanna erfolgte zuerst die amerikanische Einreiseerlaubnis für den 13-jährigen Raul. Seine Eltern konnten wenig später nach New York nachkommen. Um den Start im Exil zu finanzieren, arbeitete zunächst auch Raul in einer Fabrik. Er lernte schnell die neue Sprache und konnte seine Schulbildung fortsetzen.
Mit 18 Jahren meldete sich Hilberg zum Militärdienst, wofür er im Dezember 1944 die Voraussetzungen erhielt (Verleihung der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft) und Anfang 1945 als Soldat nach Europa zurückkehrte. Sein Regiment war in Bayern eingesetzt und befreite unter anderem das KZ Dachau. In München stieß Hilberg zudem auf die Privatbibliothek Adolf Hitlers und begann mit dem Sammeln von Unterlagen zu NS-Verbrechen. Ein Großteil von Hilbergs österreichischen und polnischen Verwandten – darunter Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins – überlebte die Shoa nicht.
Nach Kriegsende kehrte Hilberg wieder in die USA zurück und studierte am Brooklyn College sowie an der Columbia University Geschichte, Recht und Politik. Mit seiner umfangreichen Dissertation „The Destruction of the European Jews“ (dt. 1962 „Die Vernichtung der europäischen Juden“) schloss er 1955 das Studium ab. Von 1956 bis zu seiner Emeritierung 1991 war er Professor an der University of Vermont in Burlington. Für Vorträge und Besuche kehrte Hilberg bis kurz vor seinem Tod 2007 wiederholt nach Wien zurück. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder.
Die Vernichtung der europäischen Juden
Raul Hilbergs dreibändiges, akribisch recherchiertes und vordergründig auf Akten basierendes Hauptwerk ist die mehrmals neu aufgelegte und von ihm stetig aktualisierte Arbeit „The Destruction of the European Jews“, die bis heute ein Standardwerk ist. Darin beschreibt er den Ablauf der jüdischen Entrechtung, Enteignung und Ermordung, der durch bürokratische Arbeitsteilung eines immensen Verwaltungsapparates umgesetzt und ermöglicht worden ist. Dieser Fokus auf Täterdokumenten war zum Zeitpunkt der Ersterscheinung eine neue Herangehensweise, die von vielen mit Desinteresse oder Irritation aufgenommen wurde. Erst 1961 fand Hilberg einen US-amerikanischen Verlag und 1982 einen deutschen Kleinverlag dafür. Heute gilt Hilberg als Begründer der empirischen Holocaustforschung und als einer der renommiertesten Zeithistoriker weltweit. Sein Forschungsinteresse kreiste um die Kernfrage, wie der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung während der NS-Zeit möglich war. Dabei beschäftigte er sich mit der dahinterstehenden Bürokratie, Opferzahlen sowie der Rolle der Judenräte, der Reichsbahn oder der Deutschen Wehrmacht im Vernichtungsprozess.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Hilberg erst durch Claude Lanzmanns Film „Shoah“ (1985) bekannt. Darin interviewte ihn der Regisseur als einzigen Experten. Ansonsten arbeitete Lanzmann weitgehend mit ZeitzeugInnen-Interviews (Opfer, AugenzeugInnen und TäterInnen) und ahistorischen Bildern der Orte des systematischen Mordes an den europäischen Jüdinnen und Juden, um unter anderem die von Hilberg minutiös recherchierte Transportlogistik des NS-Regimes offenzulegen.
Text: Anton Bergauer
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