29. April 2026: Die Bibliothek der verbrannten Bücher. Ein Erinnerungsprojekt der VHS Liesing

Als Titel für einen ihrer erfolgreichsten Songs wählte die britische Rockband Manic Street Preachers einen Aufruf zum Kampf gegen das Franco-Regime: „If you tolerate this, then your children will be next.“ Freilich lesen und hören sich jene Zeilen bald neunzig Jahre nach dem Beginn des Spanischen Bürgerkrieges anders als damals. Sie bleiben jedoch eine Mahnung und ein Weckruf, genau hinzusehen. Denn autoritäre Systeme entstehen nicht aus dem Nichts. Es sind kleine Schritte und ein stetiges Ausloten der demokratiepolitischen Grenzen, die in einen menschenverachtenden Totalitarismus führen. Demokratiepolitisch erleben wir gerade eine schwierige Zeit. Durch Social Media und Messenger-Dienste entstehen Echokammern, in denen seriöser Journalismus als Mainstream diffamiert und so gezielt Desinformation gestreut wird. Der Rechtsextremismus-Bericht des DÖW weist hinsichtlich rechtsextremer Straftaten von 2023 auf 2024 einen Anstieg von dreiundzwanzig Prozent auf. Seit dem Krieg um Gaza kommt es vermehrt zu gezielten antisemitischen Übergriffen. Rechtspopulistische Parteien feiern rund um den Globus Erfolge. Sie gewinnen nicht nur Stimmen, sondern sitzen auf Regierungsbänken. Von diesen aus ist es sehr leicht, Repression und Angst in der Bevölkerung zu schüren. Besonders deutlich wird dies momentan in den USA unter der Regierung Donald Trumps.

Anhand der oben genannten Beispiele lässt sich unschwer erkennen, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Es gilt, sie zu bewahren. Das Projekt Bibliothek der verbrannten Bücher der Volkshochschule Liesing versucht dies auf verschiedenen Wegen. Durch eine Förderung der Kulturkommission der Bezirksvertretung Liesing entstand 2024 ein offener Bücherschrank gegen das Vergessen. Darin befinden sich Werke von Autor*innen, die während des nationalsozialistischen Terrorregimes verfolgt, verfemt oder ermordet wurden. Bücher können nicht nur kostenlos entlehnt werden. Besonders ist, dass jede*r dazu eingeladen ist, selbst Werke jener Autor*innen zu spenden und somit Teil des Projekts zu werden. Die Bibliothek der verbrannten Bücher orientiert sich dabei an dem Konzept der Community-Orientation: Die Bevölkerung ist dazu eingeladen, ihr unmittelbares Umfeld, also auch die Lernumgebung Volkshochschule, mitzugestalten. Erinnerungskultur wird somit nicht nur vermittelt, eine Mitwirkung wird ermöglicht. Das Projekt wurde 2025 mit dem Ludo Hartmann Förderpreis des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen ausgezeichnet. Es zeigt nicht nur die Vielzahl verfolgter Namen und Schicksale sowie verbanntes Wissen. Die Bibliothek der verbrannten Bücher bietet auch einen hervorragenden kulturhistorischen Einblick in die Geschichte der Wiener Volkshochschulen. Denn zahlreiche von den Nationalsozialisten verfolgte Autor*innen waren als Vortragende an den Wiener Volkshochschulen tätig. Am 10. Mai 1933 verbrannten in den deutschen Universitätsstädten bei der Aktion wider den undeutschen Geist tausende Bücher unter tosendem Applaus in den Flammen. Die Grundlage dafür lieferte die schwarze Liste des Bibliothekars Wolfgang Hermann. Autor*innen von Weltrang wie der Nobelpreisträger Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Stefan Zweig sollten aus dem Gedächtnis der Bevölkerung verschwinden. Ebenso die heute wenig rezipierten Gina Kaus, Richard Beer-Hofmann und Jakob Wassermann. Allen ist gemein, dass sie an den Wiener Volkshochschulen vortrugen. Aber auch unzählige Autor*innen, welche sich nicht auf der schwarzen Liste finden, sondern erst in späterer Folge durch die Nationalsozialisten verboten wurden, weisen eine Verbindung zu den Wiener Volkshochschulen auf. Zu nennen sind hier etwa Egon Friedell, H. G. Wells, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler oder Friedrich Torberg. Man erkennt daran nicht nur die Vernichtung geistig-literarischer Errungenschaft. Sondern auch die kulturpolitische Bedeutung der Wiener Volkshochschulen zur damaligen Zeit. Als egalitäre Orte des Wissens und der Aufklärung waren sie bereits während des Austrofaschismus ein Dorn im Auge der Machthabenden gewesen. Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sollten sie nach einer Säuberung der Mitarbeiter*innen und Kursleitenden durch gezielte politische Veranstaltungen als Propagandainstrument genutzt werden. Dies missglückte jedoch. Bereits nach dem Kursjahr 1939/40 lag das Angebot in jenem Bereich nur noch bei etwa einem Prozent.

Bücher sind Quellen des Wissens. Wenn sie verschwinden und verboten werden, so ist dies ein ernstzunehmendes Warnzeichen für die Demokratie. In den USA wurden Klassiker wie „1984“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ aus dem Schulunterricht und Bibliotheken im von den Republikanern regierten Bundesstaaten Florida verbannt. Es gilt also nach wie vor, genau hinzusehen.

Franz Mock

Foto: Verbrannte Bücher Bücherschrank.jpg Credit: Franz Mock, Der Bücherschrank in der VHS Erlaa, Putzendoplergasse 4, in Liesing.

Text: erschienen in „Der sozialdemokratische Kämpfer“: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6
Link zur Gesamtausgabe: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/03/DSK_1-2-3_2026.pdf

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