2. Februar 2025: Die Brünner Konferenz der RS

Zum Jahreswechsel 1934/35 fand in Brünn eine sog. Reichskonferenz der Revolutionären Sozialisten statt. Der Ort wurde gewählt, weil sich in Brünn seit dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Februar 1934 das „Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten“ (Alös) befand. Aus allen neun Bundesländern nahmen Delegierte an der Konferenz teil. Rudolfine Muhr aus Hietzing erinnerte in der 1981 von unserem Bund unter Federführung von Josef Hindels herausgegebenen Broschüre „Fanal des Freiheitskampfes“ an die Konferenz:

Blansko

Schon einmal bin ich in die Tschechoslowakei eingereist. Damals allerdings ging es über Lundenburg (Breclav) nach Blansko, einem kleinen Ort bei Brünn, zur ersten illegalen Wiener Konferenz, die am 8. und 9. September 1934 stattfand. Nach der gewaltsamen Niederwerfung der Arbeiterbewegung im Februar 1934 hatten sich in der erbitterten Arbeiterschaft Gruppen und Zirkel gebildet, die unabhängig voneinander Widerstand gegen die Heimwehr-Diktatur zu leisten begannen. Einerseits war dies der Autonome Schutzbund, aber es gab auch andere Schutzbundgruppen, eine davon nannte sich „Febristen“, andere wieder suchten Anschluss in den Gruppen „Rote Front“, „Funke“ und bei den Revolutionären Sozialisten. … Ich erinnere mich noch an die äußerst lebhaft geführte Debatte über die Namensänderung der Partei, bis dann der Vorschlag, sie „Vereinigte Sozialistische Partei Österreichs“ zu nennen, zwar angenommen wurde, die endgültige Entscheidung aber einer Parteikonferenz vorbehalten werden sollte. Fritz Adler war aus Brüssel gekommen, Otto Bauer, Vertreter der Tschechischen, der Deutschböhmischen Sozialdemokratischen Partei, Abgesandte der Gewerkschaften und ein Vertreter der sozialdemokratischen Untergrundbewegung Deutschlands, „Neu Beginnen“, waren anwesend. … Im Verlauf der Tagung wurde, um die Organisation zu festigen, neue Mitarbeiter zu gewinnen, ein Aufruf an die sozialdemokratischen Arbeiter beschlossen. In einem Flugblatt

„Die Partei ruft!“

hieß es vor allem: Wir sind die Erben der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, und es wird die Arbeiterschaft aufgefordert, nicht nur passiven Widerstand zu leisten, sondern sich aktiv am Kampf gegen den Faschismus und Ständestaat zu beteiligen. … Die Wiener Konferenz hat dichtgehalten, kein einziger Teilnehmer wurde verhaftet.

Brünn

Mit Spannung und Erwartung sehe ich der Reichskonferenz entgegen. War es die Aufgabe der Konferenz in Blansko, die Gruppen von Wien zu vereinigen, sollten in der Reichskonferenz die Gruppen der Revolutionären Sozialisten Österreichs für die Einheit der Partei gewonnen werden. Es galt aber auch, die Verbindung zwischen den Bundesländern und Wien zu vertiefen und Richtlinien für den Ausbau der Organisationen zu beschließen. Es war wichtig, dass wir die Möglichkeit hatten, in einem freien Land über die Probleme und Aufgaben der illegalen Bewegung ohne Störung zu diskutieren, Beschlüsse zu fassen sowie über die Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Lage der unterdrückten Völker wahrheitsgetreue Informationen zu erhalten. Es war jedoch genauso wertvoll, dass wir mit den Kampfgefährten unseres ganzen Landes zusammenkommen konnten, in persönlichen Gesprächen Gelegenheit hatten, unsere Erfahrungen im ersten Jahr unserer illegalen Tätigkeit auszutauschen.

Unvergesslich bleibt sicher jedem, der den Silvesterabend des Schicksalsjahres 1934 miterleben durfte. Die Februarniederlage hatte uns nicht mutlos machen können, ohne zu zögern hatte dieser Kreis – im Gedenken an die Opfer dieser Tage – den Weg in das Dunkel, in die Illegalität beschritten. So wurde das alte Jahr in der verschworenen Gemeinschaft gleichgesinnter verabschiedet. Das Jahr 1935 begrüßten wir mit Zuversicht. Mit unserem Händedruck – der bei solchen Anlässen getauscht wird – gaben wir das Versprechen alles zu tun, damit unsere Parole

„Wir kommen wieder!“

bald Wahrheit werde. … Viele Stunden nahmen die Beratungen über die Richtlinien, nach denen die illegale Arbeit zu leisten sein wird, in Anspruch. Tiefe Stille herrschte im Saal, aufmerksam folgten die Delegierten des Vorsitzenden des Zentralkomitees der RS, Genossen Karl Hans Sailer, über das Aktionsprogramm, das eine Einleitung und sechs Punkte umfasste.

Hier enden Rudolfine Muhrs Erinnerungen. Was die Genossinnen und Genossen nicht wussten: Unter ihnen befand sich ein Spitzel. Schon bald nach der Rückkehr nach Österreich wurden fast alle TeilnehmerInnen verhaftet, nur ganz wenige entgingen der Verhaftung. Die Verhafteten waren nun 14 (!) Monate lang eingesperrt, bis im März 1936 in Wien der Schauprozess des austrofaschistischen Regimes gegen 28 SozialdemokratInnen bzw. Revolutionären Sozialisten und zwei Kommunisten begann. Unter den Angeklagten befanden sich etliche Personen, die in der Zweiten Republik wichtige politische Funktionen bekleideten. So Anton Proksch (1956–66 Sozialminister), Bruno Kreisky (1970–83 Bundeskanzler, zuvor Außenminister), Otto Probst (1963–66 Verkehrsminister) und Franz Jonas (1965–74 Bundespräsident, zuvor Wiener Bürgermeister). Den beiden Kommunisten Franz Honner und Friedl Fürnberg gelang später die Flucht aus dem „Anhaltelager“ Wöllersdorf nach Moskau. Da der Prozess auch im Ausland großes Aufsehen erregte, fielen die Strafen am 24. März 1936 schließlich deutlich „milder“ aus, als erwartet. Die beiden Hauptangeklagten, Karl Hans Sailer und Maria Emhart, für die der Staatsanwalt die Todesstrafe beantragt hatte, wurden zu 20 bzw. 18 Monaten Haft verurteilt, Bruno Kreisky erhielt 12 Monate Kerker, Franz Jonas wurde freigesprochen. Im Rahmen der Juli-Amnestie von 1936 wurden die Verurteilten, die allerdings bereits 18 Monate in Untersuchungshaft verbracht hatten, schließlich begnadigt.

Ein wesentlicher Punkt der Brünner Konferenz war die Konfrontation von „Neuen“ und „Alten“ und die Durchsetzung der neuen inhaltlichen und organisatorischen Ausrichtung (konspirativ statt Massenpartei, aber auch die Frage der Kurz- oder Langlebigkeit des Faschismus). Mit der Verhaftung der „alten“ Führung und der Übernahme des Vorsitzes durch Joseph Buttinger 1935 sollten sich die „Neuen“ und ihre Politik durchsetzen. Damit ist die Brünner Konferenz so etwas wie ein Wendepunkt in der Geschichte der RS (Erneuerung der illegalen Organisation) was nicht reibungslos abgelaufen ist. 1945 wählte die neugegründete Sozialistische Partei Österreichs den Zusatznamen „Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten“.

Gerald Netzl

Foto: Polizeifoto_Bruno_Kreisky.jpg Credit: DÖW

Text: Polizeifoto von Bruno Kreisky.

Der Dank für den Text und die Bilder geht an den Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen,
Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen. Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden sich hier: http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2024/12/Kaempfer-10-11-12-2024.pdf

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