7. Februar 2024: Rechte Netzwerke

Mit der Ausschaltung des Nationalrats begann im März 1933 die Zerstörung der Ersten Republik. Die so beginnende Umwandlung Österreichs in einen autoritären Staat mit faschistischem Zuschnitt kam keineswegs plötzlich oder verlief schleichend. Schrittweise, stets unter dem Anschein der Legalität, schaltete die Regierung Dollfuß zwischen März 1933 und Februar 1934 mittels Notverordnungen und unter permanentem Verfassungsbruch die Einrichtungen der Demokratie aus (vgl. „Kämpfer“ 3/2023 Seite 18). Die Grundlagen der demokratischen Republik, Parlamentarismus, Sozialstaat, Grund- und Freiheitsrechte, die Verfassung wurden Zug um Zug zerstört, und schließlich auch das Rote Wien ausgehebelt. Antidemokratische Netzwerke, eskalierende Wehrverbände, schwere wirtschaftliche Verwerfungen und schwache Institutionen erleichterten die Beseitigung der Demokratie im Österreich der Zwischenkriegszeit.

2021 veranstalteten das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und das Karl-Renner-Institut eine Tagung zu diesem Thema. Dabei wurde die Rolle informeller Strukturen in der österreichischen Zwischenkriegszeit analysiert. Verdeckte Machtstrukturen prägten Österreich in der Ersten Republik. „Deutscher Klub“, „Deutsche Gemeinschaft“, Burschenschaften, Cartell-Verband und „Bärenhöhle“ waren Foren außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung und gerade dadurch Umschlagplätze für rechte Ideen. Männer der akademischen bzw. politischen Elite schufen sich somit für die Durchsetzung eigener Interessen und den Austausch antidemokratischer und antisemitischer Inhalte weitreichende Netzwerke. Diese dienten auch der Zusammenarbeit von Christlichsozialen, Deutschnationalen und Nationalsozialisten.

In vierzehn Beiträgen werden Einblicke in die politische Radikalisierung Österreichs gewährt. Eine zentrale Rolle spielte dabei als einigende weltanschauliche Klammer der Antisemitismus. „Juden = Kapitalisten = Sozialdemokraten/Kommunisten = Ausbeuter“ lautete die simple Parole. Damals wie heute waren Zukunftsängste der wichtigste Nährboden für faschistische und autoritäre Strömungen und Parteien. Fazit: Das wohlfeile Buch (€ 14,90) ist lesenswert, allerdings kommt es zu inhaltlichen Wiederholungen. Unangenehm ist ein Fehler auf Seite 214, da wurden die Vornamen der Dollfuß-Mörder Otto Planetta und Franz Holzweber verwechselt.

Illustrationen: Cover_antisemitische Netzwerke.jpg

Linda Erker, Michael Rosecker (Hrsg.): Antisemitische und rechte Netzwerke in der Zwischenkriegszeit, Verlag Karl-Renner-Institut, Wien 2023, ISBN 978-3-85464-045-5, 327 Seiten, € 14,90

Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer 10-11-12/2023“ 

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Ausgabe

Text: Rezension von Dr. Gerald Netzl

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