16. März 2022: Nein, Nein, Niemals! Fort mit dem Verbrecher! Freiheit!

„Sie werden euch in einen neuen Weltkrieg hineinheben. […] Dieser Mann
[Hitler] will die Billigung und Bestätigung seiner Verbrechen von euch.
Darauf gibt es nur eine Antwort: Nein, Nein, Niemals! Fort mit dem Verbrecher! Freiheit!“
Diese Sätze entstammen einem Flugblatt, das anlässlich der Wahl und
Volksabstimmung am 19. August 1934 in München verteilt wurde und
der Gestapo in die Hände fiel. Diese vermerkte handschriftlich darauf:
„SPD-München, 19.8.1934“. Die spektakuläre Verteilaktion war von den
„Roten Rebellen“ durchgeführt worden, einer Gruppe von sozialdemokratischen WiderstandskämpferInnen in München. Die aus ehemaligen
sozialdemokratischen Angehörigen des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold
und der Arbeitersportvereine zusammengesetzte Gruppe um den Hotelkellner Josef Lampersberger und den Reichsbahnarbeiter Franz Faltner tat
sich aber nicht nur mit mutigen und äußerst riskanten Flugblattaktionen
wie im Umfeld gut besuchter Fußballspiele hervor. Ihre Mitglieder erledigten außerdem Kurierdienste für die im tschechischen Grenzgebiet tätige
Exil-SPD und sammelten bereits ab 1934 Fotos, um die Verbrechen im
KZ Dachau zu dokumentieren. Zudem planten sie einen Bombenanschlag
auf dem Münchner Hauptbahnhof. Dabei sollte niemand verletzt, aber ein
deutliches Zeichen des Widerstands gesetzt werden: Die Nazis sollten mit
Gegenwehr rechnen!
1935 enttarnt, wurden die Gruppe und ihr Umfeld, darunter Faltners Ehefrau Anna, zu langjährigen Zuchthaus- und KZ-Strafen verurteilt. Ihre
Widerstandsaktivitäten, Biografien und Schicksale sind im „Gedenkbuch
der Sozialdemokratie 1933 bis 1945“ dokumentiert. Dieses ist über das
Portal zur Geschichte der Sozialdemokratie des Archivs der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zugänglich. Das
Gedenkbuch begreift sich als digitaler historischer Erinnerungsort, der die
Erinnerung an diejenigen SozialdemokratInnen wach hält, die für Freiheit,
Demokratie und Menschlichkeit ihr Leben gefährdeten oder gar verloren.
Verfolgung und Widerstand
Die im Online-Gedenkbuch dokumentierten Biografien geben eindrucksvoll Zeugnis vom Ausmaß des Nazi-Terrors von Verfolgung, Verrat, Denunziation, Lagerhaft und Mord von politisch Andersdenkenden. Und sie
zeigen den Mut und die Standhaftigkeit derjenigen, die sich den Verbrechen der Nationalsozialisten entgegenstellten – aus sozialdemokratischen
Grundüberzeugungen.
Wenngleich nur wenig auf die Illegalität vorbereitet, leisteten SozialdemokratInnen in großer Zahl Widerstand gegen Hitler. Aktiv Widerstand
leisteten dabei nicht nur prominente PolitikerInnen und GewerkschafterInnen. Sondern – was auch das Gedenkbuch deutlich macht – auch und
gerade kleine Gruppen und einzelne Personen, die den Nationalsozialismus ablehnten und unter Gefährdung ihres Lebens bekämpften.
Freiheit und Demokratie verteidigen – damals wie
heute
Die im Gedenkbuch dokumentierten Biografien zeigen darüber hinaus
die Tatkraft und Stärke jener SozialdemokratInnen, die Gestapohaft und
Konzentrationslager überlebten und sich nach 1945 für den Wiederaufbau
der Demokratie einsetzten. Ihre eigene Widerstandstätigkeit und Verfolgungserfahrung mussten sie dabei oft verschweigen. Denn besonders beliebt waren ihre Lebensgeschichten im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland nicht.
In einer Zeit, in der sich die Deutschen möglichst wenig an die gerade
vergangenen Jahre erinnern wollten, sich oft selbst als Opfer des Nationalsozialismus fühlten, dem so viele begeistert zugejubelt hatten, hielt mutiger Widerstand wie der der Roten Rebellen dem Land einen Spiegel vor,
in den die meisten Deutschen nicht blicken wollten. Die über 150-jährige
Geschichte des sozialdemokratischen Einsatzes für Demokratie und gegen Unterdrückung ist Auftrag bis heute, Freiheit und Demokratie gegen
diejenigen zu verteidigen, die sie aushöhlen und bekämpfen wollen.
Künftige Entwicklung des Gedenkbuchs
Im Zuge eines ersten regionalen Projekts wurden 463 Biografien von verfolgten SozialdemokratInnen aus München eingespeist. Perspektivisch soll
das Online-Gedenkbuch erweitert werden und mehrere regionale Schwerpunkte umfassen. Die biografischen Informationen können für die Erinnerungsarbeit, für den Schulunterricht, die politische Bildung sowie für die
historische Forschung nutzbar gemacht werden.

Peter Beule (Referent für die Geschichte der Sozialen Demokratie im Referat „Public History“ im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich Ebert-Stiftung)
Webtipp: http://www.geschichte-der-sozialdemokratie.de/gedenkbuch

Aus Kämpfer

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