19. Mai 2021: Ernst Papanek

„Auf Wiedersehen, Kinder!“

Wir freuen uns, Wolfgang Neugebauer für die folgende Renzension einer Neuerscheinung zum Leben und Wirken Ernst Papaneks gewonnen zu haben.

Als ich Ende der 1960er Jahre an meiner Dissertation über die sozialdemokratische Jugendbewegung in Österreich arbeitete, hat mir Dr. Ernst Papanek, der letzte Vorsitzende der SAJ vor 1934 und damalige Universitätsprofessor für Pädagogik in New York, mit ausführlichen schriftlichen Informationen (die auch in das vorliegende Buch eingeflossen sind), wesentlich geholfen. Später hatte ich als Leiter des DÖW immer wieder Kontakt zu seinem Sohn Gustav und seiner Schwiegertochter Hanna, beide UniversitätsprofessorInnen in den USA. Unter anderem spendete die Familie einen namhaften Betrag, um dem DÖW die Publikation „Mahnen und Gedenken in Wien 1934-1945“ zu ermöglichen. Daher interessierte mich die nun erschienene
Biographie, verfasst von einer jungen Historikerin und Journalistin (Jg. 1992), ganz besonders.

Vorweg: Lilly Maier hat ein wunderbares Buch verfasst, das der Persönlichkeit und den politischen und pädagogischen Leistungen Ernst Papaneks gerecht wird. Der aus einer eher ärmlichen Wiener jüdischen Familie stammende Papanek hatte schon als Gymnasiast den Weg zur sozialdemokratischen Jugend- und Erziehungsbewegung gefunden, leitete Kinder- und Jugendkolonien und wirkte in der Volksbildung und als Lehrer. 1932 wurde er in den Wiener Gemeinderat gewählt und fungierte 1933/34 als Vorsitzender der SAJ. Als Teilnehmer an den Februarkämpfen 1934 musste Papanek in die CSR flüchten, wo er im ALÖS in Brünn die illegalen Aktivitäten der Revolutionären Sozialisten in Österreich unterstützte.

Zu Recht hebt Lilly Maier die wichtige Rolle von Papaneks Ehefrau Lene hervor. Die aus einer wohlhabenden jüdischen Ärztefamilie (Heilanstalt Fango) stammende Helene Goldstern, selbst überzeugte Sozialdemokratin, hatte ihn gegen den Willen ihres Vaters geheiratet, kümmerte sich neben ihrer Tätigkeit als Ärztin um die beiden Kinder Georg und Gustav und sorgte über weite Strecken für das Auskommen der Familie, was die politischen Aktivitäten ihres Mannes ermöglichte.

Ernst Papaneks Wirken im Exil in Frankreich 1938-1940 widmet die Autorin die größte Aufmerksamkeit; er selbst sah seine Arbeit als Leiter mehrerer Heime für geflüchtete Kinder (im Auftrag der jüdischen Kinderhilfsorganisation OSE) als „sein bedeutendstes Werk“ und die wichtigste Zeit seines Lebens. Eindrucksvoll beschreibt die Autorin die an Alfred Adlers Individualpsychologie und der Schulreform Otto Glöckels orientierten Grundsätze und Praxis der Papanekschen Heimerziehung. Der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Frankreichs 1940 bereiteten dieser sozialistischen Idylle ein brutales Ende. Papanek musste mit seiner Familie auf abenteuerlichen Wegen über Spanien und Portugal in die USA flüchten.

Sein Bemühen, die zurückgelassenen Kinder zu retten, hatte nur teilweisen Erfolg: 253 gelangten in die USA; nicht wenige fielen der Shoa zum Opfer, und dieses Trauma belastete Papanek lebenslang. Dass die Autorin darauf eingeht (und auch manche Legende Papaneks, wie z. B. ein 1934 ergangenes Todesurteil, kritisch beleuchtet), bewahrt sie vor einer apologetischen Darstellung.

Die Heimerziehung mit den geretteten Flüchtlingskindern konnte Papanek in den USA nicht fortsetzen, weil die Kinder zu Pflegefamilien kamen. Papanek absolvierte ein Pädagogikstudium und leitete dann erfolgreich Heime für schwer erziehbare Kinder, bis er 1960 zum Professor für Pädagogik an der City University of New York bestellt wurde. Eine Rückkehr Papaneks nach Österreich wurde (wie auch anderer jüdischer sozialdemokratischer Funktionäre und Intellektueller) von der damaligen SPÖ-Spitze nicht gewollt, aber auch die familiären und beruflichen Bindungen hielten Ernst und Helene Papanek von einer Rückkehr ab. Die Verbundenheit mit der Sozialdemokratie und Wien kam zuletzt dadurch zum Ausdruck, dass der 1973 während eines Wienaufenthaltes Verstorbene in seiner Heimatstadt bestattet wurde, wo auch seine Frau Lene 1985 beigesetzt wurde.

Lilly Maier hat ein sehr lesbares Buch verfasst, das in vielen Passagen spannend, berührend, aber auch bedrückend und schmerzlich ist. Sie hat nicht nur das in vielen Orten verstreute Archivmaterial und eine Unmenge an Literatur ausgewertet und die noch lebenden Familienangehörigen bzw. Flüchtlingskinder aufgesucht und interviewt; ihre Recherchen an den Handlungsorten in Österreich, Frankreich, Portugal und USA und ihre eindrucksvollen Schilderungen und Fotos stellen eine wertvolle Bereicherung dar. Insgesamt sollte dieses Buch eine Pflichtlektüre für alle sein, die an der Geschichte der Sozialdemokratie und deren großen Leistungen in Theorie und Praxis der Erziehungsarbeit interessiert sind.

Wolfgang Neugebauer

Lilly Maier: Auf Wiedersehen, Kinder! Ernst Papanek. Revolutionär, Reformpädagoge und Retter jüdischer Kinder.
Molden Verlag, Wien – Graz, 2021; ISBN 978-3-222-15048-7, 304 Seiten, € 28,00

Zur Verfügung gestellt von: http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2021/04/FK_01_02_03_Stand_12_04_2021_low_res9a.pdf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: