Am 13. Oktober 2026 wäre Christine Nöstlinger 90 Jahre alt geworden. Die 1936 in Wien-Hernals geborene Schriftstellerin zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts. Mit ihrem unverwechselbaren Wiener Ton, ihrem Humor und ihrer scharfen Beobachtung gesellschaftlicher Verhältnisse veränderte sie die Kinderliteratur nachhaltig.
Nöstlinger schrieb für Kinder, ohne auf sie herabzublicken. Sie nahm ihre Sorgen, ihre Wut, ihre Ängste und ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit ernst. Ihre jungen Figuren waren selten angepasst oder besonders brav. Sie widersprachen, stellten Autoritäten infrage und wollten selbst bestimmen, wie sie leben. Gerade darin lag etwas Neues: Kinder wurden bei Nöstlinger nicht bloß erzogen – sie bekamen eine eigene Stimme.
Aufgewachsen in Wien
Christine Nöstlinger wuchs im Wiener Arbeitermilieu auf. Ihre Kindheit während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs prägte sie nachhaltig. Ihre Eltern waren sozialistisch eingestellt und hatten selbst unter dem Nationalsozialismus zu leiden. Erfahrungen aus dieser Zeit fanden später auch Eingang in ihre Literatur.
Nach der Matura studierte Nöstlinger zunächst Gebrauchsgrafik an der damaligen Akademie für angewandte Kunst. Schließlich wandte sie sich dem Schreiben zu. 1970 erschien mit „Die feuerrote Friederike“ ihr erstes Kinderbuch – zunächst sogar von ihr selbst illustriert. Das Buch wurde ein Erfolg und markierte den Beginn einer außergewöhnlichen schriftstellerischen Laufbahn.
Es folgten Werke wie „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“, „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, „Maikäfer flieg!“ und die Geschichten rund um den Franz. Insgesamt hinterließ Nöstlinger mehr als 150 Bücher. Ihre Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, vielfach verfilmt und für das Theater bearbeitet.
Kinderliteratur mit Haltung
Christine Nöstlinger gehörte zu jener Generation von Autor, die Anfang der 1970er Jahre die bis dahin häufig stark autoritär geprägte Kinderliteratur grundlegend veränderten. Sie schrieb in einer direkten, lebensnahen Sprache und scheute weder Konflikte noch gesellschaftliche Tabus.
In ihren Geschichten ging es um Familie und Schule, soziale Unterschiede, Ausgrenzung und Vorurteile, aber ebenso um Freundschaft, Selbstbestimmung und das Recht, anders sein zu dürfen. Dabei verband sie Sozialkritik mit Fantasie und Humor. Kinder sollten bei ihr nicht lernen, sich widerspruchslos anzupassen. Sie sollten lernen, selbst zu denken.
Gerade darin liegt auch die bildungspolitische Bedeutung ihres Werks. Nöstlinger verstand junge Menschen als eigenständige Persönlichkeiten. Respekt gegenüber Kindern bedeutete für sie nicht, ihnen Schwierigkeiten oder Konflikte zu verschweigen, sondern ihnen zuzutrauen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen.
Ihre Figuren stehen deshalb häufig auf der Seite jener, die übersehen, ausgegrenzt oder nicht ernst genommen werden. Toleranz, Individualität und ein kritischer Blick auf Macht und Autorität ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Werk.
Eine gesellschaftlich engagierte Stimme
Nöstlinger beschränkte sich nicht auf Kinder- und Jugendbücher. Sie schrieb Dialektgedichte, Kolumnen und Glossen, arbeitete für Zeitungen und den ORF und meldete sich immer wieder zu gesellschaftlichen Fragen zu Wort.
Auch gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bezog sie deutlich Stellung. 2015 sprach sie bei der parlamentarischen Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. Ihr öffentliches Auftreten entsprach damit jener Haltung, die auch ihre Literatur kennzeichnete: Menschen nicht nach Herkunft oder gesellschaftlicher Stellung zu beurteilen und dort zu widersprechen, wo Ausgrenzung und autoritäres Denken Platz greifen.
International wurde ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Zu den bedeutendsten Ehrungen gehörten die Hans-Christian-Andersen-Medaille und der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis. Damit wurde nicht nur ihre literarische Qualität gewürdigt, sondern auch ihr besonderer Beitrag zu einer Kinderliteratur, die junge Menschen ernst nimmt.
Christine Nöstlinger starb am 28. Juni 2018 in Wien. Ihr Werk aber wird weiterhin gelesen – von Kindern ebenso wie von Erwachsenen.
Wien erinnert an Christine Nöstlinger
Zum 90. Geburtstag wird ihr Werk im Jahr 2026 besonders gewürdigt. Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek zeigt ab 8. Oktober die Ausstellung „Fliegende Katzen im Gemeindebau. Christine Nöstlinger – Pionierin der Kinderliteratur“. Zu sehen sind unter anderem Manuskripte, Zeichnungen und Materialien aus ihrem Nachlass, der sich seit 2025 in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet.
Auch mehrere Bücher erscheinen rund um das Jubiläum neu oder werden wieder aufgelegt. Lesungen, Buchpräsentationen, Veranstaltungen und ein Geburtstagsfest erinnern daran, wie lebendig Nöstlingers Geschichten bis heute geblieben sind.
Dass ihre Bücher Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen weiterhin gelesen werden, liegt vielleicht gerade daran, dass sie Kindern nie eine heile Welt vorspielte. Sie zeigte die Welt mit ihren Widersprüchen – und vertraute darauf, dass junge Menschen damit umgehen können.
Aus sozialdemokratischer Bildungsperspektive bleibt Christine Nöstlinger deshalb eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Ihr Werk verbindet Bildung mit Emanzipation, Freiheit mit Verantwortung und gesellschaftliche Kritik mit Menschlichkeit. Sie ermutigte Kinder, Fragen zu stellen, Widerspruch zu wagen und sich nicht alles gefallen zu lassen.
Zum 90. Geburtstag erinnern wir an eine große Wiener Schriftstellerin, die Kindern eine Stimme gab – und damit auch den Erwachsenen immer wieder etwas zu sagen hatte.
Quellen
Christine Nöstlinger – offizielle Website: https://www.christine-noestlinger.at/
Österreichische Nationalbibliothek: https://www.onb.ac.at/sammlungen/literaturarchiv/bestaende/personen/noestlinger-christine-1936-2018
Österreichisches Kulturforum / BMEIA: https://www.bmeia.gv.at/kf-istanbul/bildung-wissenschaft/buchempfehlungen/detail/seite?tx_news_pi1%5Bnews%5D=46076&cHash=858bcac900484e6c027b44fbf44b986a&
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Christine_N%C3%B6stlinger
Titelbild: (c) SPÖ-OÖ SPÖ-OÖ – SPÖ-OÖ 2012-03-04 Lesung und Gespräch mit Christine Nöstlinger (Im Rahmen des SPÖ-Frauensalons las Christine Nöstlinger, eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen, am Sonntag, 4. März bei einer Matinee im Moviemento in Linz aus ihrem Buch „Iba de gaunz oamen Leit“.Hochgeladen: 14. Juli 2018CC BY 2.0 Datei:2012 Christine Nöstlinger (6805938102) (cropped).jpg Erstellt: 4. März 2012