26. August 2026: Maria Emhart – ein Beitrag aus dem „Kämpfer“

Maria Emhart (1901–1981) steht exemplarisch für die widersprüchlichen Erfahrungen sozialistischer Frauen zwischen Widerstand, Geschlechternormen und politischer Erinnerung innerhalb einer männlich dominierten politischen Kultur. Sie war eine zentrale Figur der österreichischen Arbeiter:innenbewegung. Besonders die Februarkämpfe 1934 wurden zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Biografie.

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in St. Pölten, musste Emhart früh in der Fabrik arbeiten. Die Erfahrung von Hunger, Gewalt und Ausbeutung prägte ihr Klassenbewusstsein. Der Jännerstreik 1918 politisierte sie schließlich nachhaltig: In ihren Erinnerungen beschreibt sie den Beitritt zur Sozialdemokratie als Ausweg aus dem Elend. Früh knüpfte sie Kontakte zum Republikanischen Schutzbund, auch wenn Frauen dort offiziell ausgeschlossen waren. Während der Februarkämpfe 1934 spielte Emhart in St. Pölten eine zentrale Rolle. Sie organisierte Kontakte und Material, mobilisierte Schutzbündler und drängte auf den bewaffneten Widerstand. Ob sie tatsächlich selbst zu den Waffen griff, bleibt unklar. Entscheidend ist aber, dass sie an der Organisation beteiligt war und damit eine Rolle einnahm, die Frauen gesellschaftlich kaum zugestanden wurde. Die Erinnerungen Emharts an diese Tage sind widersprüchlich. In privaten Briefen erscheint sie als entschlossene Akteurin, die Männer zum Handeln aufforderte und den Kampf vorantrieb. In Interviews und besonders vor Gericht hingegen inszenierte sie sich als unbeteiligte Frau, die lediglich unterstützende Tätigkeiten ausführte. Diese Differenzen sind Ausdruck der damaligen Geschlechternormen: Militanz wurde Frauen abgesprochen, politische Führung ebenso. Emhart bewegte sich in diesem Spannungsfeld taktisch – mal offensiv, mal angepasst, je nachdem, was ihre Situation erforderte.
Auch die Repression nach den Kämpfen zeigt diese Dynamik. Emhart wurde noch 1934 vom austrofaschistischen Regime als „Rädelsführerin“ und „Flintenweib“ angeklagt – Zuschreibungen, die nicht nur politisch, sondern auch geschlechtlich aufgeladen waren. Das Bild der bewaffneten Frau stand für Sittenverfall und galt als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung. Vor Gericht nutzte Emhart diese Ordnung aber auch zu ihrer Verteidigung, betonte ihre angebliche, naturgegebene Friedfertigkeit und Unwissenheit. Sie wurde schließlich freigesprochen, blieb jedoch im Visier des Regimes, aber engagierte sich trotzdem weiter im illegalen Widerstand bei den „Revolutionären Sozialisten“. So wurde sie ein weiteres Mal verhaftet und eine der Hauptangeklagten beim „Großen Sozialistenprozess“ 1936, gemeinsam mit Persönlichkeiten wie dem jungen Bruno Kreisky oder Franz Jonas. Durch geschickte Verteidigungsreden (und den internationalen Druck auf das austrofaschistische Regime) konnten mildere Strafen für die Angeklagten erwirkt werden. Auch nachdem sie freigelassen wurde und später im Nationalsozialismus blieb sie im Widerstand.

Nach 1945 gehörte Emhart zu den wenigen Frauen im politischen Wiederaufbau. In Bischofshofen wurde sie erste Vizebürgermeisterin Österreichs und war über zwei Jahrzehnte eine prägende Kraft, besonders im Wohnbau und sozialen Fragen. Trotz realer Macht blieb ihr der Bürgermeisterposten aber verwehrt – auch wegen offener Ablehnung gegenüber Frauen in Führungspositionen. Dieses Spannungsfeld zwischen politischer Leistung und patriarchalen Grenzen innerhalb der Sozialdemokratie zog sich durch ihre gesamte Karriere. Als Nationalratsabgeordnete von 1953-1965 arbeitete Emhart in Bereichen wie Justiz, Verkehr und Landesverteidigung – Felder, die Frauen kaum zugestanden wurden. Gleichzeitig setzte sie sich für Mutterschutz, Gleichstellung und die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ein. Innerhalb der SPÖ kämpfte sie für Frauenrechte, stieß jedoch oft auf Widerstände. Ihr Lebensweg macht die strukturellen Hindernisse sichtbar, denen Frauen in Politik und Gesellschaft ausgesetzt waren. Doch Emhart ließ sich davon nicht aufhalten. Immer wieder überschritt sie Grenzen, nutzte Spielräume, übernahm politische Verantwortung und setzte sich über das hinaus, was Frauen zugestanden wurde – im Widerstand der 1930er Jahre ebenso wie in der Politik der Zweiten Republik.

Gerade darin liegt ihre historische Bedeutung: nicht als makellose Heldinnenfigur, sondern als politische Akteurin, die Handlungsspielräume nutzte. Und dabei Widersprüche aushielt. Emhart steht damit für eine Generation von Frauen, die sich ihren Platz in der Geschichte nehmen mussten und war dabei in vielerlei Hinsicht Pionierin. Ihr Leben zeigt, dass auch innerhalb der Arbeiter:innenbewegung Machtverhältnisse stets kritisch hinterfragt werden müssen. Am 9. Februar 1969 wurde Maria Emhart im Arbeiterheim Salzburg die Otto-Bauer-Plakette verliehen.

Text: Lena Köhler

Titelbild/Foto: Credit: VGA/Wien

Maria Emhart bei Internationalen Frauentag 1951 in Salzburg. Eine ausführliche Biografie über Maria Emhart steht im Buch „Ins Rampenlicht“ (siehe „Kämpfer“ 4/2025 S. 17).

Quelle: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6

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