20. August 2026: Erinnern an Ernst Papanek (20.8.1900-5.8.1973): Reformpädagoge, Sozialist und Retter jüdischer Kinder

Ernst Papanek zählt zu jenen Persönlichkeiten der österreichischen Sozialdemokratie, deren Leben Bildung, politisches Engagement, Widerstand und Menschlichkeit auf besondere Weise miteinander verband. Geboren am 20. August 1900 in Wien, wurde er zu einem wichtigen Reformpädagogen, Kommunalpolitiker und später zu einem Retter jüdischer Flüchtlingskinder während der NS-Zeit.

Papanek stammte aus einer kleinbürgerlich-jüdischen Familie. Schon früh engagierte er sich in der sozialdemokratischen Jugendbewegung. Er war im Verband jugendlicher Arbeiter, im Verband Sozialistischer Studenten und in der Sozialistischen Arbeiterjugend aktiv. Von 1933 bis 1934 war er deren letzter Verbandsvorsitzender. Auch in der Bildungsarbeit der Sozialdemokratie spielte er eine wichtige Rolle.

Nach Studien der Medizin, Psychologie, Philosophie, Geschichte, Soziologie und Pädagogik wirkte Papanek ab 1919 als Lehrer und später als Erziehungsdirektor im von Eugenie Schwarzwald gegründeten Landerziehungsheim Harthof. Er stand damit in der Tradition jener Reformpädagogik, die Kinder nicht bloß als zu disziplinierende Schüler verstand, sondern als eigenständige Menschen mit Rechten, Fähigkeiten und Bedürfnissen.

Eng verbunden war Papanek auch mit der Wiener Schulreform Otto Glöckels. Diese Reform war ein zentrales Projekt des Roten Wien und zielte darauf ab, Bildung demokratischer, moderner und sozial gerechter zu gestalten. Papanek unterstützte Glöckel bei pädagogischen Fragen, war in der sozialdemokratischen Zentralstelle für Bildungswesen tätig, unterrichtete bei den Kinderfreunden und an Wiener Volkshochschulen. Bildung war für ihn ein Instrument der Emanzipation.

Auch politisch übernahm Papanek Verantwortung. Von 1931 bis 1933 war er Landesobmann des Bildungsausschusses in Wien, von 1932 bis 1934 sozialdemokratischer Gemeinderat und Abgeordneter zum Wiener Landtag. Nach den Februarkämpfen 1934 musste er als Sozialdemokrat und Angehöriger des Republikanischen Schutzbundes aus Österreich fliehen. Im Exil in der Tschechoslowakei engagierte er sich weiter für die illegale sozialistische Jugendbewegung und den Widerstand gegen den Austrofaschismus und Nationalsozialismus.

1938 floh Papanek mit seiner Familie nach Frankreich. Dort begann jener Abschnitt seines Lebens, der bis heute besonders eindrucksvoll bleibt. Im Auftrag der jüdischen Hilfsorganisation OSE leitete er in Montmorency bei Paris Heime für jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland und Österreich. Viele dieser Kinder waren von ihren Eltern auf Kindertransporten nach Frankreich geschickt worden, um sie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu retten.

Papanek und seine Frau Helene Goldstern, Ärztin und Psychologin, gaben diesen Kindern nicht nur Schutz, sondern auch Halt, Bildung und menschliche Zuwendung. In einer Zeit der Angst und Entwurzelung versuchte Papanek, ihnen ein Stück Würde und Kindheit zurückzugeben. Später bezeichnete er diese Arbeit als sein bedeutendstes Werk. Einem großen Teil der Kinder konnte er schließlich zur Flucht in die USA verhelfen.

1940 gelang auch Papanek selbst mit seiner Familie die Flucht in die Vereinigten Staaten. In New York begann er unter schwierigen Bedingungen neu. Er studierte an der Columbia University, arbeitete als Sozialarbeiter und pädagogischer Berater und leitete später Einrichtungen für gefährdete und straffällig gewordene Jugendliche. Auch dort blieb sein pädagogisches Grundverständnis erkennbar: Kinder und Jugendliche sollten nicht abgeschrieben, sondern begleitet, verstanden und gestärkt werden.

1958 promovierte Papanek über die Wiener Schulreform. Von 1959 bis 1971 war er Professor für Pädagogik am Queens College der City University of New York. Daneben engagierte er sich in sozialistischen Organisationen, in internationalen pädagogischen Vereinigungen und in der Adlerianischen Psychologie. Sein Wirken verband europäische Reformpädagogik, sozialdemokratische Bildungstradition und praktische Kinder- und Jugendhilfe.

Ernst Papanek starb am 5. August 1973 während eines Besuches in Wien. 1978 wurde im 15. Wiener Gemeindebezirk die städtische Wohnhausanlage Ernst-Papanek-Hof nach ihm benannt. Damit erinnert Wien an einen Menschen, der aus dieser Stadt kam, von ihr geprägt wurde und ihr geistig verbunden blieb – auch über Exil und Emigration hinweg.

Aus sozialdemokratischer Sicht bleibt Ernst Papanek ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was politische Bildung bedeuten kann: nicht bloß Wissensvermittlung, sondern Erziehung zur Freiheit, Solidarität und Verantwortung. Sein Leben zeigt, dass Pädagogik und Politik dort zusammengehören, wo es um die Würde des Menschen, den Schutz von Kindern und den Kampf gegen Unterdrückung geht.

Ernst Papanek war Reformpädagoge, Sozialist, Flüchtling, Widerstandskämpfer und Retter jüdischer Kinder. Sein Vermächtnis erinnert daran, dass Bildung immer auch eine Frage der Menschlichkeit ist.

Quellen:

https://www.dasrotewien.at/seite/papanek-ernst-pseudonym-ernst-pek
https://www.ernst-papanek.at/
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Ernst_Papanek
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Papanek

Titelbild: (c) https://www.dasrotewien.at/seite/papanek-ernst-pseudonym-ernst-pek

Hinterlasse einen Kommentar