Egal ob damals oder heute – der Weg der Schiene in die kleine Stadt Hainfeld im südlichen Niederösterreich ist gleichgeblieben. Bereits auf diesem Weg ist es nicht schwer, sich in die Situation jener Menschen zu versetzen, die in der Kälte des späten Dezembers 1888 teils lange Wege aus allen Teilen der österreichischen Reichshälfte auf sich nahmen, um am Einigungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie teilzunehmen. In Hainfeld angekommen würde auf den ersten Blick nicht viel darauf hinweisen, dass dieser Ort einst Gründungsort unserer Bewegung war, dabei sollte dieser Fakt eine wichtige Rolle spielen.
Für viele von uns ist es nicht mehr nachvollziehbar, jedoch war es um unsere Bewegung in den späten 1880er-Jahren schlecht bestellt. Eine Kopie der bismarckschen Sozialistengesetze wurde von den regierenden Konservativen durchgesetzt, die sozialdemokratische Bewegung hatte sich nach Neudörfl 1874 in Folge in „Gemäßigte“ und „Radikale“ gespalten. Als Mediator und Einiger trat Victor Adler auf den Plan, dem es zur Überraschung vieler gelang, die beiden Flügel auf einem gemeinsamen Parteitag an einen Tisch zu bringen. Da war Hainfeld beinahe perfekt geeignet: abgelegen von größeren Städten, für die dort aktive Arbeiter:innenbewegung tätig und der Umstand, dass sowohl Stadt als auch Bezirk damals liberale Vertreter hatten.
Beim Spazieren durch die kleine Stadt fällt zu allererst eine Plakette am Haus Hauptstraße 29 ins Auge, wo einst das Gasthaus stand in dem der Parteitag stattfand. Nach Zerstörung wurde das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut. Bereits 1928, vierzig Jahre nach dem Ereignis und 10 Jahre nach der Ausrufung der Republik errichteten die Bürger:innen von Hainfeld ein Denkmal am zentralen Victor-Adler-Platz, das 1934 demoliert wurde und 1948 wieder aufgestellt wurde. 2008 wurde selbiges Denkmal ergänzt und hebt die Rolle Victor Adlers hervor. Ziel des ganzen Weges ist das Hainfeld Museum (geöffnet Samstag 13:00-17:00), das obgleich klein einen ganzen Raum der Sozialdemokratie widmet. Im Zentrum steht natürlich der Einigungsparteitag 1888/1889, der aus Rücksicht vor den teilnehmenden Delegierten, die zumeist Arbeiter:innen waren, in der freien Zeit um Silvester festgesetzt wurde um ihnen so die Teilnahme zu ermöglichen. Zurecht wirbt das Hainfeld Museum mit dem Satz „Wiege der österreichischen Sozialdemokratie“.
Auf einem Tisch finden sich Ton- und Schriftdokumente zu eben jenem Parteitag, gelesen von lokalen Parteimitgliedern, mit Zitaten und Wortbeiträgen der Teilnehmenden zu den verschiedensten Themen. Ergänzt wird dies durch eine in Eigenverlag herausgebrachte Edition des Parteitagsprotokolls, das zum besseren Verständnis sprachlich an die heutige Zeit angepasst wurde. Geziert werden die Wände mit allerhand Schaustücken zur Geschichte der Sozialdemokratie in Österreich und Hainfeld. Darunter finden sich Tafeln mit kurzen Texten zum Leben und Wirken von Victor und Emma Adler sowie ihrem Sohn Friedrich, Informationen zum Parteitag als auch Erinnerungen an diese Zeit, darunter Spruchbilder und Maiplakate.
Hainfeld war wie weitere Gemeinden im Traisen- und Gölsental Ort des Februar 1934, wollte der Schutzbund das Gebiet verteidigen. Dabei kam es im Stadtgebiet zu einem verhängnisvollen Ereignis. Viktor Rauchenberger und Johann Hoys hatten aus Notwehr, da sie bereits von Heimwehr umstellt waren, auf den lokalen Heimwehrführer geschossen und ihn getötet, dennoch war die Lage für sie aussichtslos und mussten sich kurz darauf ergeben. Sie wurden am 16. Februar in St. Pölten vom Standgericht zum Tode verurteilt und ermordet, ein einfaches Grab am Hauptfriedhof der Landeshauptstadt erinnert an die beiden Märtyrer.
In kleinen Vitrinen finden sich auch die Schuhe des Genossen Viktor Strohner, der nach den Kämpfen gefangen genommen wurde und in Wöllersdorf eingesperrt wurde.
Prägend bleibt ein Satz, der auf der bronzenen Plakette in großen Lettern steht: „Die Verpflichtung dieser Tage hat seither das Wirken der Sozialdemokratie in Österreich bestimmt. Ihren Werten fühlen wir uns zum Wohl der arbeitenden Menschen in aller Welt für immer verbunden.“ Mit diesen Gedanken im Kopf und vielen weiteren mehr verließ ich Hainfeld, im Bewusstsein dessen wofür die Genoss:innen damals kämpften und wo wir weiterhin anknüpfen müssen im Kampf für die Welt der freien Menschen.
Text: Alexander Rath
Foto: Credit: Alexander Rath
Das Monument am Victor-Adler-Platz in Hainfeld erinnert an den Einigungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie von 30. Dezember 1888 bis zum 1. Jänner 1889.