17. April 2026: Der Nationalfonds – ein Text von Hannah Lessing

2025 hat der Nationalfonds sein 30-jähriges Bestehen begangen. Das Jubiläum war Anlass, zurückzublicken: Was konnten wir bewirken – für die Überlebenden, für die Menschen in Österreich? Und was bleibt zu tun?

Ich durfte die Geschicke des Nationalfonds durch drei Jahrzehnte begleiten und mitgestalten – es war eine bewegte und bewegende Reise. Mein familiärer Hintergrund hat mir diese Arbeit zur Berufung werden lassen. Denn in meiner Familie spiegelt sich die Zerrissenheit wider, die wir in Österreich in Bezug auf den Nationalsozialismus so oft finden: Auf der einen Seite mein Vater Erich Lessing, der als Jude, knapp 16-Jährig, ins damalige Palästina flüchtete, dessen Mutter und Großmutter ermordet wurden. Auf der anderen Seite meine Mutter, deren Familie den Nationalsozialismus, wie so viele Österreicherinnen und Österreicher, als MitläuferInnen mitgetragen hat. „Nationalsozialismus und Holocaust sind in Österreich so wie in Deutschland Familiengeschichte.“ Über diese Familiengeschichte wurde lange geschwiegen, in den Familien der TäterInnen, aber auch der Opfer. Dieses Schweigen zu brechen brauchte Jahrzehnte.

Die Entstehung des Nationalfonds fiel in eine Zeit, in der sich das nationale Narrativ betreffend die Jahre des Nationalsozialismus in Österreich zunehmend wandelte, vom Schweigen zum Ansprechen des Unrechts, vom Vergessen zur Erinnerung. Am 1. Juni 1995 wurde das Bundesgesetz über die Einrichtung des Nationalfonds im Nationalrat beschlossen. In Kraft getreten ist es rückwirkend, symbolträchtig mit dem 27. April 1995, dem Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Die späte Einrichtung des Nationalfonds wurde im In- und Ausland mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Schon bevor sich das Kuratorium im Juli 1995 unter seinem ersten Vorsitzenden Heinz Fischer konstituierte, langten erste Briefe von Überlebenden ein – die ältesten unter ihnen waren noch vor dem Jahr 1900 geboren. Es wurde klar, dass die Arbeit des Nationalfonds ein Wettlauf gegen die Zeit sein würde.

Als im September das Kuratorium zum zweiten Mal tagte, nahm ich bereits als Generalsekretärin teil. Vor meiner Entscheidung, diese Aufgabe zu übernehmen, hatte ich ein langes Gespräch mit meinem Vater. Ich fragte ihn, was er, als Überlebender, sich erwarten würde. Seine Antwort formulierte er als Frage, die mir über all die Jahre lebhaft in Erinnerung geblieben ist: „Kannst du mir meine Mutter zurückbringen, meine verlorene Jugend zurückgeben?“ Nein, wir können nicht das Rad der Zeit zurückdrehen, nichts ungeschehen machen. Dennoch war dieser Schritt wichtig – für die Überlebenden und für Österreich.

Die ersten Jahre standen ganz im Zeichen der Anerkennung der Opfer. Mit meinem damals noch sehr kleinen Team begannen wir den Brückenschlag und kontaktierten Überlebende in aller Welt – viele hatten Jahrzehnte keinen Kontakt mehr zu Österreich gehabt. Das Echo auf diese späte Geste der Republik war überwältigend. Seit 1995 haben über 30.000 Menschen die Gestezahlung als symbolische Anerkennung angenommen. Das Besondere am Nationalfondsgesetz: Es richtet sich an alle NS-Opfer – nicht nur jüdische Opfer, sondern auch Roma und Romnja, Sinti und Sintizze, politisch Verfolgte, Kärntner SlowenInnen, Homosexuelle, und viele mehr. Die Verfolgungsgründe waren ebenso unterschiedlich wie die Schicksale, jedes ein Stück österreichische Geschichte.

Bis heute unterstützt der Nationalfonds Überlebende in Österreich und über 70 Ländern weltweit. Manche zerrissenen Bande zur alten Heimat wurden neu geknüpft – auch für die Zukunft, mit den Kindern und Enkeln der Überlebenden. Im Laufe der Jahre wurde dem Nationalfonds eine Vielfalt an weiteren Aufgaben übertragen, alle ein Ausdruck der historischen Verantwortung Österreichs – von Entschädigungs- und Restitutionsmaßnahmen über die Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich, über Lern- und Gedenkorte wie die österreichische Ausstellung im Museum Auschwitz-Birkenau oder die Shoah Namensmauern Gedenkstätte bis hin zur Förderung von Projekten zum Lernen aus Geschichte.

Dieses Lernen ist kein abgeschlossener Akt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Heute, wo die warnenden Stimmen der ZeitzeugInnen immer leiser werden, wo die Demokratie vor neuen Herausforderungen steht, gibt uns ein Verstehen der Vergangenheit die Chance, gemeinsam Antworten auf brennende Fragen der Gegenwart zu finden.

Was 1995 als eine temporäre Aufgabe begonnen wurde, ist zu einem Commitment für Jahrzehnte geworden. Die Geschichte des Nationalfonds ist noch nicht zu Ende erzählt, die Reise geht weiter.

Hannah M. Lessing

Hannah M. Lessing ist Vorständin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.

Web-Tipp: http://www.nationalfonds.org

Foto: Hannah Lessing.jpg Credit: Nationalfonds/Peter Rigaud



Text: erschienen in „Der sozialdemokratische Kämpfer“: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6
Link zur Gesamtausgabe: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/03/DSK_1-2-3_2026.pdf

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