Max Adler – Sozialismus als Bildungs- und Kulturprojekt
Ein Vordenker des Austromarxismus
Max Adler (1873–1937) war Jurist, Soziologe, Philosoph und einer der prägenden Theoretiker des Austromarxismus. Sein Denken verband marxistische Gesellschaftsanalyse mit philosophischer Reflexion und einem starken pädagogischen Anspruch. Adler verstand Sozialismus nicht nur als politische oder ökonomische Ordnung, sondern als umfassendes Projekt gesellschaftlicher Bildung, Kultur und Emanzipation.
Geboren in Wien als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, studierte Adler Rechtswissenschaften an der Universität Wien und promovierte 1896. Bereits als Student engagierte er sich in der sozialdemokratischen Bewegung und gründete eine sozialistische Studentenvereinigung. Nach ersten Jahren als Rechtsanwalt verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend auf Theorie, Volksbildung und politische Arbeit.
Theorie: Marxismus, Kant und das „Sozialapriori“
Im Zentrum von Max Adlers Denken stand die Frage, wie Gesellschaft überhaupt möglich ist. Als überzeugter Marxist suchte er zugleich eine philosophische Grundlegung des Sozialismus. Dabei verband er die Gesellschaftstheorie von Karl Marx mit der Erkenntniskritik Immanuel Kants.
Adler wandte sich gegen einen rein materialistischen Marxismus. Für ihn war gesellschaftliche Wirklichkeit immer auch geistig vermittelt. Berühmt wurde sein Begriff des „Sozialapriori“: Das menschliche Bewusstsein ist nach Adler von Anfang an sozial geprägt. Denken, Urteilen und Erkennen setzen stets eine Gemeinschaft voraus. Gesellschaft ist daher kein bloßes Nebenprodukt wirtschaftlicher Verhältnisse, sondern eine grundlegende Voraussetzung menschlicher Erfahrung.
Aus dieser Perspektive entwickelte Adler eine eigenständige Sozialphilosophie, die innerhalb des Marxismus eine idealistische, erkenntniskritische Position einnahm. Seine Arbeiten machten ihn zu einem der intellektuell anspruchsvollsten Vertreter des Austromarxismus.
Demokratie: politisch oder sozial?
Ein zentrales Thema in Adlers Werk war die Demokratie. Er unterschied scharf zwischen einer politischen Demokratie, die formale Rechte garantiert, aber Klassenherrschaft fortschreibt, und einer sozialen Demokratie, in der soziale Ungleichheit und Unterdrückung überwunden werden.
Sozialismus bedeutete für Adler nicht bloß Reformen innerhalb bestehender Institutionen. Er knüpfte ihn an eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft, einschließlich der Überwindung der staatlichen Machtstrukturen in ihrer bisherigen Form. Gleichzeitig lehnte er autoritäre Modelle und den Bolschewismus entschieden ab. Der Weg zum Sozialismus müsse demokratisch, bildungsorientiert und kulturell verankert sein.
Bildung, Volksbildung und der „Neue Mensch“
Max Adler verstand sich selbst als „Lehrer des Proletariats“. Bildung war für ihn der Schlüssel zur Emanzipation. Über Jahrzehnte war er in der Arbeiter*innenbildung, in Volkshochschulen und in reformpädagogischen Projekten aktiv.
Besondere Bedeutung hatte seine Mitarbeit im sogenannten Schönbrunner Kreis, wo er an der Ausbildung sozialistischer Pädagoginnen und Pädagogen beteiligt war. Später lehrte er auch an der Arbeiterhochschule in Wien. Adler war ein gefragter Redner, vor allem bei jungen Menschen.
In diesem Zusammenhang entwickelte er die Idee des „Neuen Menschen“. Sozialismus sollte nicht bei besseren Lebensbedingungen stehen bleiben, sondern auf eine grundlegende Veränderung von Haltung, Solidarität und gesellschaftlichem Bewusstsein zielen. Das „Rote Wien“ sah Adler als ein praktisches Experimentierfeld für diese Vision einer sozialen Demokratie und sozialistischen Kultur.
Politik, Repression und letzte Jahre
Zwischen 1919 und 1921 war Max Adler sozialdemokratischer Abgeordneter im niederösterreichischen Landtag. Die parlamentarische Politik blieb jedoch eine kurze Phase. Wichtiger war ihm die theoretische und pädagogische Arbeit.
1920 habilitierte er sich an der Universität Wien und wurde außerordentlicher Professor für Soziologie und Sozialphilosophie. Eine ordentliche Professur blieb ihm verwehrt – auch aufgrund antisemitischer Widerstände.
Nach den Februarkämpfen 1934 wurde Adler kurzzeitig verhaftet, seine Schriften aus Arbeiterbibliotheken entfernt. In den letzten Lebensjahren zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und widmete sich wissenschaftlicher Arbeit. Er starb 1937 in Wien nach langer Krankheit.
Bedeutung und Vermächtnis
Max Adler zählt zu den wichtigsten sozialistischen Intellektuellen Österreichs im frühen 20. Jahrhundert. Sein Werk steht für einen Marxismus, der Demokratie, Bildung und Kultur ins Zentrum stellt. Er verband Gesellschaftskritik mit pädagogischer Verantwortung und philosophischer Tiefe.
Adlers Denken erinnert daran, dass Sozialdemokratie mehr ist als Verwaltung des Bestehenden: Sie ist ein Projekt gesellschaftlicher Aufklärung, Solidarität und menschlicher Entwicklung.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Adler_(Jurist)
https://rotbewegt.at/biografien/max-adler/
https://www.dasrotewien.at/seite/adler-max
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Max_Adler_(Soziologe)
https://agso.uni-graz.at/archive/marienthal/biografien/adler_max.htm
http://der-rote-blog.at/der-lehrer-des-proletariats
Titelbild: (c) VGA