Ursprünge in der Arbeiterbewegung
Die Geschichte der Roten Falken lässt sich nicht erzählen, ohne mit den Kinderfreunden zu beginnen. Als Anton Afritsch 1908 die „Kinderfreunde“ gründete, war seine Idee so einfach wie revolutionär: Arbeiterkindern Räume zu eröffnen, in denen sie sich frei bewegen, Gemeinschaft erleben und Natur erfahren konnten – Dinge, die in den engen, prekären Wohnsituationen der Arbeiter*innen damals kaum möglich waren. Wandern, Singen und Lagerleben boten erstmals ein Stück Freizeit und Selbstbestimmung in einer ansonsten entbehrungsreichen Lebenswelt.
Schon bald stellte sich jedoch die Frage, wie jene Jugendlichen begleitet werden sollten, die aus dem Kinderalter herausgewachsen waren und mehr wollten als betreute Wanderungen. Aus diesem pädagogischen Bedarf heraus entstand 1925 die Idee von Anton Tesarek, innerhalb der Kinderfreunde eine selbstorganisierte Jugendorganisation zu gründen: die Roten Falken.
1925: Die Geburtsstunde der Roten Falken
Im Juni 1925 veröffentlichte Kinderland-Redakteur Anton Tesarek eine Reportage über vier Buben, die sich „Rote Falken“ nannten und sich ihre eigene Art der Gruppenorganisation aufgebaut hatten. Tesarek erkannte den pädagogischen Wert dieser Selbstorganisation und griff die Idee begeistert auf. Noch im selben Jahr gründete er die Roten Falken als sozialdemokratische Jugendorganisation für 10- bis 14-Jährige.
Einprägsame Symbole wie blaues Hemd und rotes Tuch, die Altersstufengliederung und die starke Betonung der Eigenverantwortung erinnerten bewusst an erfolgreiche Elemente der Pfadfinderbewegung – jedoch klar verortet in den Werten der Arbeiter*innenbewegung: Solidarität, Emanzipation und soziale Gerechtigkeit.
Der Name „Rote Falken“ verbreitete sich rasch in ganz Österreich und darüber hinaus. Bald erreichten Tesarek auch Anfragen aus Deutschland und der Tschechoslowakei. Schon 1926 fand in Steyr das erste Bundestreffen statt, an dem fast 600 Kinder und Jugendliche teilnahmen. Der Gruß „Freundschaft“ wurde zum gemeinschaftlichen Erkennungszeichen.
Solidarität in Aktion
Die frühen Roten Falken waren nicht nur eine Freizeitorganisation. Sie verstanden sich als Teil der Arbeiter*innenbewegung und handelten auch so:
- In Steyr sammelten Falken aus Wels Kartoffeln für Kinder streikender Arbeiter.
- In St. Pölten wurden Bücher für eine Kinderbücherei in Annaberg zusammengetragen.
- Bei Aufmärschen der Sozialdemokratie versorgten sie die Demonstrierenden mit Trinkwasser.
Solidarität war nicht bloß ein Begriff – sie wurde aktiv gelebt.
Verbot, Widerstand und Neubeginn
Mit der Ausschaltung des Parlaments und dem Errichten des Austrofaschismus 1934 wurden Kinderfreunde und Rote Falken gemeinsam mit anderen sozialdemokratischen Organisationen verboten. Doch die Bewegung bestand im Untergrund weiter und viele Falken engagierten sich später gegen das NS-Regime.
Nach 1945 erfolgte der rasche Wiederaufbau. Die Organisation knüpfte an alte Traditionen an, verzichtete aber bewusst auf autoritäre Elemente. Das Wort „Führer“ wurde aus dem Vokabular gestrichen und durch Begriffe wie „Helfer“ ersetzt. Symbolisch wie pädagogisch sollte klar erkennbar sein: Demokratie und Mitbestimmung stehen im Zentrum der Arbeit.
Das internationale Falkencamp in Döbriach, 1949 erstmals Austragungsort eines Bundessommerlagers, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der prägendsten Orte der Bewegung.
Pädagogik im Wandel: 1950er bis 1990er Jahre
Nach organisatorischen Herausforderungen in den 1950er und 60er Jahren gelang eine Neuausrichtung, die klassische Elemente wie Lagerfeuerromantik, Waldläufertechniken und Geländespiele wieder in den Vordergrund rückte. Pfingststernwanderungen und Bundeslager prägten dieses Jahrzehnt ebenso wie neue Sozialaktionen.
In den 1970ern erlebte das politische Engagement einen neuen Aufschwung. Die Falken beschäftigten sich mit Umweltschutz, Anti-Atom-Bewegung, Friedenspolitik und internationalen Befreiungsbewegungen.
Ab den 1980er Jahren, in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Umbrüche, erweiterten die Roten Falken ihre Arbeit um Themen wie Kinderrechte, Anti-Rassismus-Arbeit, Koedukation, geschlechtssensible Pädagogik und politische Partizipation (z. B. Wählen ab 16).
Neuorganisation ab 2005
Mit der „Steyrer Erklärung“ 2005 wurde die Altersstruktur neu definiert:
- Minis (3–5 Jahre)
- Freundschaftskinder (6–10 Jahre)
- Rote Falken (ab ca. 10 Jahren)
Diese Neuorganisation stärkt seitdem die Kontinuität der Gruppenarbeit und verdeutlicht erneut das Ziel: Kindern und Jugendlichen verlässliche Angebote zu bieten, die Spaß, Gemeinschaft, politische Bildung und Selbstbestimmung verbinden.
International vernetzt
Die Roten Falken sind Teil des International Falcon Movement – Socialist Educational International (IFM-SEI), in dem über 50 sozialistische Kinder- und Jugendorganisationen weltweit zusammengeschlossen sind. Internationale Solidarität – von Armenien bis zur Westsahara – ist seit Jahrzehnten ein Markenzeichen der Falkenarbeit. Besonders das Camp Döbriach ist bis heute ein Ort gelebter globaler Gemeinschaft.
Alltag und Anspruch heute
Die Falken sind eine sozial engagierte Kinder- und Jugendorganisation. Wöchentliche Gruppenstunden, Basteln, Spielen, Diskutieren, Singen, demokratisches Lernen und gemeinsame Zeltlager prägen bis heute ihre Arbeit.
Genauso wichtig ist der gesellschaftspolitische Anspruch: Einsatz gegen Rassismus, gegen ausbeuterische Kinderarbeit, für Frieden, für Kinderrechte und für eine gerechte Gesellschaft.
100 Jahre Rote Falken – Jubiläum 2025
2025 feiern die Roten Falken ihr 100-jähriges Bestehen – ein Jahrhundert, das für Solidarität, Gemeinschaft, Selbstorganisation und demokratische Bildung steht. Gemeinsam mit den Kinderfreunden sind zahlreiche Jubiläumsaktivitäten geplant:
Bisherige Höhepunkte des Jubiläumsjahres
- Bundespfingstlager (7.–9. Juni 2025): Rund 900 Kinder und Jugendliche aus allen Bundesländern kommen in Niederösterreich zusammen.
- Internationales Sommerlager in Döbriach (Juli/August 2025): Etwa 1.200 Teilnehmer*innen aus der ganzen Welt erleben internationale Solidarität hautnah.
- 100-Jahre-Festakt & Ausstellung (25. Oktober 2025): Ein großes Jubiläumsfest und die Eröffnung einer viermonatigen Ausstellung im Museum Arbeitswelt in Steyr.
Quellen:
https://rotefalken.at/ueber-uns/geschichte
https://pvoe.at/themen/aktuelles/news/detail/100-jahre-rote-falken-jubilaeumsjahr/
http://der-rote-blog.at/die-roten-falken
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Rote_Falken
https://www.dasrotewien.at/seite/rote-falken
Titelbild: https://rotefalken.at/