Erika Weinzierl – Pionierin der österreichischen Zeitgeschichte
Wer sich mit österreichischer Zeitgeschichte beschäftigt, kommt an Erika Weinzierl nicht vorbei. Sie war nicht nur eine der ersten Frauen auf einem Lehrstuhl für Geschichte in Österreich, sondern auch eine der mutigsten Stimmen gegen das kollektive Vergessen und Verdrängen rund um den Nationalsozialismus. In diesem Beitrag möchte ich einen Überblick über Leben, Wirken und Bedeutung dieser außergewöhnlichen Historikerin geben – und zeigen, warum ihr Vermächtnis bis heute nachwirkt.
Kindheit, Jugend und Studium
Erika Weinzierl, geborene Fischer, kam am 6. Juni 1925 in Wien zur Welt. Ihr Vater war sozialdemokratischer Lehrer, was bereits früh ihr politisches und gesellschaftliches Bewusstsein prägte. Die Erfahrung des „Anschlusses“ 1938 und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, die sie als Jugendliche hautnah miterlebte, sollten ihre wissenschaftliche Laufbahn entscheidend beeinflussen.
Nach der Matura 1943 wurde sie – wie viele junge Frauen ihrer Generation – zum Arbeitsdienst verpflichtet. Sie arbeitete unter anderem als Krankenschwester und in der Rüstungsindustrie. Erst nach Kriegsende konnte sie ihr Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien aufnehmen, das sie 1948 mit der Promotion abschloss.
Wissenschaftliche Karriere und Forschungsschwerpunkte
Der Weg in die Wissenschaft war für Frauen in den 1950er und 1960er Jahren alles andere als einfach. Erika Weinzierl ließ sich davon jedoch nicht abhalten: Sie arbeitete zunächst als Archivarin im Haus-, Hof- und Staatsarchiv, habilitierte sich 1961 und wurde 1969 zur ordentlichen Professorin berufen – damals eine absolute Seltenheit für eine Frau in Österreich.
Ihr wissenschaftliches Interesse galt vor allem der österreichischen Zeitgeschichte, insbesondere der NS-Zeit, dem Antisemitismus und der Rolle der katholischen Kirche. Mit Werken wie „Zu wenig Gerechte. Österreicher und Judenverfolgung 1938–1945“ (gemeinsam mit ihrem Mann Peter Weinzierl) stellte sie unbequeme Fragen an die österreichische Gesellschaft: Wie viele Österreicher:innen haben sich tatsächlich dem NS-Regime widersetzt? Wie viele haben weggesehen oder sogar profitiert?
Gesellschaftliches Engagement
Weinzierl war nicht nur Forscherin, sondern auch engagierte Zeitzeugin und Mahnerin. Sie setzte sich öffentlich gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und das Verdrängen der NS-Vergangenheit ein. Als langjährige Präsidentin der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich war sie eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen das Vergessen.
Sie war Mitbegründerin und Herausgeberin der Zeitschrift „zeitgeschichte“ und engagierte sich für die Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche während des Nationalsozialismus. Ihr gesellschaftliches Engagement wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrungen gewürdigt, darunter das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.
Persönliches und Vermächtnis
1949 heiratete sie den Physiker Peter Weinzierl, mit dem sie zwei Söhne hatte. Trotz familiärer Verpflichtungen blieb sie bis ins hohe Alter wissenschaftlich aktiv. Ihre Lehrveranstaltungen an der Universität Wien waren legendär – nicht nur wegen ihres Fachwissens, sondern auch wegen ihres Mutes, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Erika Weinzierl starb am 28. Oktober 2014 in Wien. Sie wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt. Ihr Wirken inspiriert bis heute zahlreiche Historiker:innen, Studierende und gesellschaftlich engagierte Menschen in Österreich und darüber hinaus.
Warum ist Erika Weinzierl heute noch wichtig?
Erika Weinzierl hat uns gelehrt, kritisch zu hinterfragen, unbequem zu bleiben und uns nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben. Ihre Forschung hat gezeigt, wie wichtig es ist, die Vergangenheit differenziert zu betrachten und Verantwortung zu übernehmen – auch für die dunklen Kapitel unserer Geschichte.
In einer Zeit, in der Rechtsextremismus und Antisemitismus wieder salonfähig zu werden drohen, ist ihr Vermächtnis aktueller denn je.
Quellen:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Erika_Weinzierl
https://austria-forum.org/af/Biographien/Weinzierl,_Erika
https://www.mediathek.at/oesterreich-am-wort/aus-aktuellem-anlass/erinnerung-an-erika-weinzierl
https://geschichte.univie.ac.at/de/personen/erika-weinzierl
https://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Weinzierl
https://www.doew.at/neues/archiv-2014/erika-weinzierl-1925-2014
Titelbild: Quelle: DÖW Erika Weinzierl als Festrednerin der Jahresversammlung des DÖW 1969