4. März 2025: Austrofaschismus

Das Buch betrachtet den Austrofaschismus aus einer identitäts- und kulturgeschichtlichen Perspektive. Dabei beschäftigt es sich mit der dahinterstehenden Ideologie, die zur Konstruktion einer spezifischen österreichischen Identität diente, und analysiert die Versuche, die Ideologie auch in den Köpfen der Bevölkerung zu verankern. Zugleich thematisiert das Buch aber auch die Widersprüche des politischen Systems und sein partielles Scheitern. Damit wird ein neuer Blick auf einen vieldiskutierten Abschnitt österreichischer Geschichte geworfen.

Dem Autor ist zugute zu halten, dass er dem Austrofaschismus ablehnend gegenübersteht. Das Kruckenkreuz war seit dem 9. Jahrhundert in Verwendung, der einköpfige Bundesadler der Republik wurde durch den Doppeladler ersetzt – beides drückte den Antimodernismus der Austrofaschisten aus. Die katholische Religion und die „gottgewollte“ mittelalterliche Ständeordnung waren Identitätsbausteine des Austrofaschismus. Die Aufklärung galt den Austrofaschisten als Teufel. Hingegen glorifizierte man den Ersten Weltkrieg und die Idee eines „Heldentodes“. Außerdem verstand man sich als das „wahre, bessere“ Deutschtum ggü. den Nationalsozialisten im Deutschen Reich. Kritisch hält er im Buch fest, dass die Zweite Republik einige ideologische Versatzstücke aus der Zeit vor 1938 übernommen hat: Besonders den Habsburger-Mythos („Sissi“-Filme) und den (wenngleich nicht mehr massiv die Politik dominierenden) Katholizismus. Sie dienten nun der bürgerlich-liberalen Demokratie im österreichischen Prozess der Nationsbildung.

Grundsätzlich ist das Buch interessant. Leider gab es kein oder ein nur mangelhaftes Lektorat. Die Tippfehler sind zumeist verzeihlich, eher nicht auf S. 114, wo der Juli-Putsch (Dollfuß-Attentat) 1933 stattfand (statt 1934), und auf S. 132, wo die Proklamation der österreichischen Unabhängigkeit 1949 erfolgte (korrekt ist 1945).

Gerald Netzl

Thomas Hellmuth: Austrofaschismus. Eine Identitätsgeschichte, Böhlau, Wien 2024, ISBN: 978-3-205-22044-2, 224 Seiten, € 36,00

Illustrationen: Cover_Austrofaschismus.jpg

Der Dank für den Text und die Bilder geht an den Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen,
Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen. Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden sich hier: http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2024/12/Kaempfer-10-11-12-2024.pdf

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