Am 6. August führte der „Kämpfer“ ein Interview mit Genossen Franz Vranitzky. Die Mitglieder des Bundesvorstands wurden eingeladen Fragen an ihn zu formulieren. Diese stammen von Brigitte Pellar, Andreas Sarközi, Gabi Tremmel-Yakali, Peter Weidner und Gerald Netzl.
Bitte erzähle von deiner Kindheit und Jugend und wie die Bindung zur Sozialdemokratie entstand.
Ich wurde in eine einfache und arme Familie geboren. Meine Mutter kam mit 14 Jahren aus dem Burgenland nach Wien und arbeitete als Hausgehilfin. Mein Vater war gelernter Eisengießer, in der Weltwirtschaftskrise wurde er arbeitslos und ausgesteuert. 1937/38 fand er wieder Arbeit, wurde aber 1939 mit Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen. Meine um drei Jahre jüngere Schwester und ich wuchsen bis 1945 weitgehend vaterlos auf. Wir wohnten anfangs in Favoriten, dann in Hernals, wo meine Mutter Hausbesorgerin wurde. Es war eine bescheidene Kindheit. Eigentlich deutete alles darauf hin, dass ich eine Lehre machen würde, doch hat am Ende der Volksschule mein Lehrer das Gymnasium empfohlen, es wurde die Geblergasse.
„Unsere“ Hausbesitzer waren nationalsozialistisch eingestellt. Meine Mutter hat sich von ihnen nix gefallen lassen, ihre Meinung über sie war „Die Nazis sind ein Gesindel.“ Die Tage des Kriegsendes und der Befreiung haben wir im Keller erlebt. In der Nachkriegszeit erfolgte der schrittweise Aufbau. Mein Vater war ein Linker, das war bekannt, deshalb wurde er als Soldat nie befördert. Er konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Eisengießer arbeiten und trat in den Dienst der MA 48 (Anm.: Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark). Wir führten viele politische Diskussionen daheim, er hat oft Literatur heimgebracht, auch für mich, das hat mich geprägt, z.B. Bücher über den spanischen Bürgerkrieg und Ähnliches.
Erinnerst du dich noch an deine Beitritte zu VSStÖ und SPÖ? Wurdest du von jemandem „geworben“?
Ich hatte Ferienjobs bei der ÖBB, Post und in einer Fabrik, unterm Jahr gab ich Nachhilfestunden. Mit zwölf Jahren fing ich an, vereinsmäßig Basketball zu spielen. D.h. meine Freizeit war verplant. Nach dem Diplomstudium ging ich in die Privatwirtschaft, erst später in die Oesterreichische Nationalbank – damals noch eine tiefschwarze Institution. Die OeNB entsandte mich u.a. zwei Jahre in die USA. Später absolvierte ich das Doktoratsstudium, wurde Kabinettsmitglied (bei meinem Studienkollegen) im Finanzministerium für 5 ½ Jahre – da war ich dann ganz nah am politischen Geschehen und habe politische Wurzeln geschlagen. Zu meinen Aufgaben gehörte etwa Referate – auch in den Bundesländern – zu halten etc.
Wie erfolgte der Ruf der Politik / in die Politik (in den 1980er Jahren)?
Ich war eine Zeitlang Generaldirektor-Stv. der Creditanstalt, die eine große Anzahl an Industriebeteiligungen besaß. Ähnlich war es bei der Länderbank, die allerdings Anfang der 1980er Probleme mit einzelnen Industriekunden bekam. Als Generaldirektor stand ich mitten im Geschehen. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit der SPÖ bei der Nationalratswahl 1983 folgte Fred Sinowatz Bruno Kreisky als Parteivorsitzender und Bundeskanzler. Er wollte Finanzminister Herbert Salcher auswechseln. Fred Sinowatz war aber unglücklich in den Funktionen, nach der verlorenen Bundespräsidentenwahl 1986 erfolgte sein Rücktritt und er schlug mich als seinen Nachfolger vor.
Es ist dein historisches Verdienst, dass das offizielle Österreich begann, sich der Tatsache zu stellen, dass wir nicht nur Opfer Hitler-Deutschlands waren, sondern eine Mitschuld als Täter im NS-Regime tragen. Welche Widerstände waren zu überwinden, bis dieser Schritt gesetzt werden konnte und welche Folgen hatte er im Land und international?
Ich trug mich schon längere Zeit mit dem Gedanken, die viel zu lange vertretene Opferthese aus der Welt zu schaffen. 1991/92 tobte der Jugoslawienkrieg, gleichzeitig gab es spätestens seit der Wahl Kurt Waldheims bzw. der Wahlauseinandersetzung davor immer wiederkehrende Debatten über das „Nazi-Land Österreich“. Im Nationalrat debattierten die Abgeordneten, warum Menschen, die zuvor jahrzehntelang in einem gemeinsamen Land lebten (Jugoslawien), nun aufeinander losgingen, einander töteten. Dazu sagte ich, wir dürfen nicht vergessen, dass es das auch in unserem Land gegeben hat. Und nicht wenige österreichische Bürger schlossen sich schon vor 1938 einer terroristischen Bewegung, nämlich den Nazis, an.
In unserer Partei waren manche zurückhaltend, in den Medien wurde es sehr gut aufgenommen. Der Journalist Hugo Portisch war dabei ein großer Unterstützer.
International wurde mir mehrfach bescheinigt, dass meine Rede gut angekommen ist. Im Inland war das Ergebnis, dass schrittweise der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus entstand, der seit 1995 sehr gute Arbeit leistete und leistet.
Zwischen 1993 und 1995 wurde Österreich durch eine Briefbombenserie sowie mit Spreng- bzw. Rohrbomben erschüttert. Dabei wurden der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk und der Polizist Theo Kelz lebensgefährlich verletzt. Vier Männer der Roma-Volksgruppe wurden in der Oberwarter Romasiedlung getötet. 1997 wurde durch Zufall bei einer Verkehrskontrolle der Attentäter gefasst. Wie hast du damals die Zeit als Bundeskanzler erlebt?
Es war natürlich schrecklich. Die eigentliche Bekämpfung des Terrors war Angelegenheit der Polizei und des Innenmisters. Ich hatte immer großes Interesse für Roma-Angelegenheiten. Rudolf Sarközi, Obmann des Kulturvereins der Roma, arbeitete in der MA 48, war in der SPÖ Döbling, und wurde wie meine Mutter in Lackenbach geboren – er allerdings im KZ. Mit ihm verband mich also viel. Bald nach dem Oberwarter Attentat fuhr ich mit LH Karl Stix an den Ort des Geschehens, damit wir uns ein Bild machen und um rasch und dauerhaft zu helfen. Zum damaligen Zeitpunkt waren Roma noch nicht im österreichischen Volksgruppenbeirat, es gab keine Widerstände gegen deren Aufnahme. Es gab seitens des Landes und des Bürgermeisters der Stadt Oberwart viel Unterstützung. Ich empfinde späte Genugtuung, dass das offizielle Österreich, wenn schon nicht das Unrecht gutmachen kann, zumindest eine würdige Gedenkkultur entwickelt hat. Die Bunderegierung hat den 2. August zum nationalen Gedenktag für den Völkermord an den Roma und Sinti erklärt und es soll am Schmerlingplatz ein würdiges Mahnmal / Denkmal entstehen.
Du kanntest Rudi Sarközi aus der SPÖ Döbling?
Ja, weil ich je nach verfügbarer Zeit mit der Bezirkspartei Kontakt pflegte. Ich schätzte sein Engagement sehr! Er gehörte ja auch dem Bundesvorstand der Freiheitskämpfer an.
Während deiner Zeit als Regierungschef erfolgte am 1. Jänner 1995 der Beitritt Österreichs zur EU. Kannst du uns nochmals teilhaben lassen, wie die Verhandlungen mit Brüssel damals gelaufen sind? Wie beurteilst du die derzeitige politische Entwicklung der Europäischen Union?
Noch vor der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 haben wir, also die SPÖ/ÖVP-Regierung, den Beitrittsbrief geschrieben, den Außenminister Alois Mock an den französischen Außenminister Roland Dumas (Frankreich führte den Ratsvorsitz) übergab. Von da weg lief die „Verhandlungsmaschinerie“. Für meinen Geschmack lief sie zu langsam. Erst Ende März 1994 fanden die letzten Verhandlungen statt. Dem Verhandlungsteam in Brüssel gehörten Alois Mock, die Fachminister, Vertreter der Bundesländer und der Sozialpartner an. Ich hielt im Bundeskanzleramt die Stellung und war telefonisch jederzeit erreichbar. An Ort und Stelle in Brüssel waren die Minister Mock (Äußeres), Lacina (Wirtschaft + Finanzen), Fischler (Landwirtschaft) und Klima (Verkehr, Alpentransit). Mir war wichtig, dass die Volksabstimmung über den Vertrag VOR der Unterzeichnung stattfindet, das war am 12. Juni 1994. Zwei Wochen später wurde der Vertrag in Korfu unterzeichnet und am 1. Jänner 1995 erfolgte der Beitritt.
Sinn und Zweck des europäischen Integrationsprojektes ist 1. Das Friedensprojekt (das ist erfolgreich), 2. Die wirtschaftliche und politische Integration der Staaten, also ein Schulterschluss angesichts des globalen Wettbewerbs (USA, China). Diese Komponente ist in Europa leider nicht zufriedenstellend. Ich betrachte mit Sorge, dass etliche Regierungen der EU-Staaten eigene Wege gehen und das Gemeinsame missachten. Es sind alles rechte bis sehr rechte Regierungen, die diese Politik verfolgen. Die EU-Wahl im Juni hat gerade noch das Ärgste verhindert, auch wenn wir uns ein schöneres Ergebnis für die Sozialdemokratie gewünscht hätten.
Was können wir aus den sehr unterschiedlichen, aber für die Linken erfolgreichen Wahlgängen in Großbritannien und Frankreich für unsere Wahlbewegung in Österreich mitnehmen? Insbesondere in Hinblick darauf, einerseits die extreme Rechte in die Schranken zu weisen und andererseits die Hoffnung auf eine Veränderung zum Besseren für die Menschen in eine Wahlentscheidung für die SPÖ zu übertragen?
Die Wahlsysteme und die politischen Systeme sind in diesen Ländern sehr verschieden zu Österreich. Jede Partei ist gut beraten, die sich auf die in ihrem Land herrschenden politischen Verhältnisse einstellt.
Hättest du Verständnis dafür, wenn bei der Konstituierung des neuen Nationalrates nach den Wahlen am 29. September ein(e) Kandidat(in) der – sollte sie mandatsstärkste Fraktion geworden sein – FPÖ zum / zur Präsidenten/in des Nationalrates (und damit gleichzeitig Co-Vorsitzende/n der Bundesversammlung) gewählt wird?
Es würde mir zutiefst nicht gefallen und wir tun alles, dass es nicht dazu kommt. Wir sehen in unseren Nachbarländern, dass parlamentarische Mehrheiten missbräuchlich eingesetzt werden, etwa um unabhängige Medien einzuschränken oder die Menschenrechte und die Rechte der demokratischen Opposition zu beschneiden. Wir als SPÖ müssen inhaltlich argumentieren, warum die Wählerinnen und Wähler UNS ihre Stimme geben sollen!
Du warst sowohl als Bundeskanzler und Parteivorsitzender als auch nach deiner aktiven Zeit Teilnehmer bzw. Redner bei unserem Gedenkmarsch am 1. November auf dem Wiener Zentralfriedhof. 1996 wurde dir die Otto-Bauer-Plakette verliehen. Du warst auch bei unserer 70 Jahr-Feier 2019. Was verbindet dich mit den FreiheitskämpferInnen?
Das ist leicht zu erklären: Als jemand, der in die Nazi-Zeit hineingeboren wurde und die Schandtaten der SA, SS und Gestapo schrittweise mitbekommen hat, weiß ich, was Faschismus ist. Dieses Wissen bildet die Grundlagen dafür, dass man für den antifaschistischen Widerstand ist – und das bin ich von ganzem Herzen.
Hast du Erinnerungen an Rosa Jochmann und / oder Josef Hindels?
Ja habe ich. Rosa Jochmann war aufgrund ihres Lebenslaufs eine Frau, der niemand etwas erzählen konnte, das nicht wahr war. Sie besaß die menschliche Größe, dass sie niemanden als Feind betrachtet hat. Josef Hindels, der im Karl Marx-Hof wohnte, begegnete ich manchmal auf der Straße in Döbling. Dann hat er mit dem Stock gewunken und gerufen „Bravo zum Antifaschismus, nur nicht nachlassen.“
Lese-Tipp: Franz Vranitzky: Politische Erinnerungen (Zsolnay 2004)
Foto: Vranitzky.jpg Credit: Robert Plenk
Fototext: Genosse Franz Vranitzky bei unserer 70 Jahr-Feier am 16. März 2016 im HdB Döbling.
Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer 7_8_9_2024“
Hier geht es zur gesamten Ausgabe: http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2024/09/Freiheitskaempfer-7-8-9-2024_Web.pdf
Text: von Dr. Gerald Netzl