13. Februar 2024: Wörgl, 13. Februar 1934



Als
in den Mittagsstunden des 12. Februar 1934 die Nachricht von der Erstürmung der
Linzer Parteizentrale der SDAP durch Polizei und Bundesheer eintrifft, ist Lenk
entschlossen, gemeinsam mit den ehemaligen Schutzbundführern der Nachbarorte
den Kampf aufzunehmen. Kuriere alarmieren Thomas Berger in Kirchbichl sowie
Johann Oberhofer und Johann Sappl in Häring, die sozialistische Gemeinderätin
Thekla Sittenthaler wird nach Innsbruck geschickt, in der vergeblichen Hoffnung
auf Instruktionen des Parteivorstands. Lenk, sein Stellvertreter Julius Lotz
und die mittlerweile im Parteiheim „Gasthof Rose“ in Wörgl eingetroffenen
Schutzbundführer ordnen für die Nachtstunden bewaffnete Bereitschaft an und
bereiten die Verteidigung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vor. Am
Morgen des 13. Februar erteilt Bezirkshauptmann Karl Janetschek dem
Postenkommandanten der Gendarmerie Wörgl Rochus Buratti die Weisung, mit
Unterstützung der Heimatwehr das sozialistische Parteiheim zu räumen. Die
Verhandlungen sind rasch beendet: Lenk weigert sich, die behördlichen
Anweisungen zu befolgen, in dem Wissen, dass sich die mittlerweile durch Astl
mobilisierten Schutzbündler aus Häring und Kirchbichl auf dem Vormarsch nach
Wörgl befinden. Seine Festnahme scheitert am Widerstand der im Arbeiterheim
anwesenden Schutzbundmitglieder, die sich bewaffnet vor ihn stellen: „Der Lenk
bleibt da, sonst kracht’s!“. Für Buratti und die gegen 11:30 Uhr aus Kufstein
eingetroffene Einheit der 5. Alpenjäger-Kompanie des Bundesheers gilt es nun
vorrangig, das Vordringen der Schutzbündler aus den Nachbarorten zu verhindern.
Dabei kommt es zu Schusswechseln im Bereich der östlich des Bahnhofs gelegenen
Eisenbahnbrücke, auf dem Gelände der Zellulosefabrik Wörgl und später im
Kirchbichler Ortsteil Gasteig. Ungeklärt bleibt, wie es in den Mittagsstunden
den annähernd zwanzig bewaffneten Schützbündlern gelingt, vom Arbeiterheim aus
unbehelligt das zehn Minuten entfernte Fabriksareal zu erreichen. Als gegen 13:30
Uhr Landesgendarmeriekommandant Andreas Steiner aus Innsbruck eintrifft, findet
er zwei verletzte Heimatwehrmänner vor, Lenk hat eine Schusswunde am linken
Unterarm erlitten und sich in ein Personalhaus zurückgezogen. Eine Eskalation
kann dennoch vermieden werden: Steiner ist bereit, die vorgesehene Verhängung
des Standrechts aufzuschieben, das zumindest für Lenk, Astl und Oberhofer mit
einiger Sicherheit das Todesurteil bedeutet hätte. Für Kooperator Franz
Wesenauer in Begleitung des Gemeindearbeiters Johann Gschwantner bietet sich
nun die Möglichkeit zur Vermittlung. Lenk stellt sich, nachdem auch
Parteigenosse und Bürgermeister Michael Unterguggenberger eindringlich die
Feuereinstellung gefordert hat. Ohne jede Hoffnung auf eine umfassende
Beteiligung der Mehrheit der lokalen Arbeiterschaft an einem Generalstreik,
ziehen sich die Häringer und Kirchbichler Schutzbündler in den folgenden
Stunden in ihre Heimatorte zurück. Postenkommandant Buratti schildert in seinem
Abschlussbericht ausführlich die Leistung der Gendarmerie, der es gelungen sei,
für Wörgl und seine Bevölkerung „eine Katastrophe von unübersehbarer Bedeutung“
abzuwenden. Dass den Schutzbundführern Berger, Lotz und Sappl die Flucht in die
Schweiz gelungen ist, bleibt unerwähnt. Die katholisch-konservative
Tiroler Presse ist erleichtert: „Das rote Hochburg-Dreieck Wörgl, Kirchbichl, Häring ist gefallen!“ Im April findet ein Prozess gegen zwölf der „Aufrührer“ statt, die Bemessung des Strafumfangs – drei Jahre Kerker für Lenk, 14 Monate für Oberhofer und Haftstrafen zwischen sechs und zwölf Monaten für die übrigen Angeklagten – ergibt sich durch die einhellige Berücksichtigung mildernder Umstände. Die Beteiligten seien durch die Ereignisse im übrigen Österreich mitgerissen worden und geradezu in eine „Zwangslage“ geraten. Zugunsten Lenks, verehrt von den GenossInnen und respektiert vom politischen Gegner, hatten nicht zuletzt Bischof Sigismund Waitz und der Tiroler Sicherheitsdirektor Anton Mörl interveniert. Er verbüsst ein Jahr seiner Strafe, kommt 1935 im Zuge einer Amnestie frei und lebt bis 1939 im tschechischen, später im englischen Exil, unermüdlich aktiv im sozialdemokratischen Widerstand. Julius Lotz lässt sich in der Schweiz nieder, Berger und Sappl flüchten 1935 in die Sowjetunion, wo Sappl 1938 im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ erschossen wird. Berger erhält eine Ausbildung für den Einsatz in einer Panzerbrigade und kämpft ab Juni 1937 in Spanien. Er überlebt Haftzeiten in Frankreich und durch die Gestapo Innsbruck und lebt nach 1945 in Wörgl.

Gisela Hormayr

Foto: Arbeiterheim Wörgl.jpg Credit: Heimatverein Wörgl

Fototext: Das ehemalige Arbeiterheim Wörgl

Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer
10-11-12/2023“ 

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