2. September 2023: Braune Unis

„… obwohl ich zugeben musste, dass Mussolini und Hitler Ordnung gemacht und ihre Länder zu Blüte gebracht hatten …“ Entnazifizierung an österreichischen Universitäten.

Das im Titel angeführte Zitat schrieb Hans Pirchegger, lange Jahre Professor für Geschichte an der Universität Graz und Vorsitzender des Historischen Vereins, 1961 in seine „Lebenserinnerungen“. Dass er als Mitglied der NSDAP 1945 aus dem Universitätsdienst – eher eine Ausnahme – entlassen worden war, hat er wohl, selbst nach Jahren des Abstands, als unakzeptable Ungerechtigkeit empfunden. Mit dieser Einschätzung stieß er freilich in weiten Teilen der Bevölkerung auf wohlwollende Zustimmung.

„Verdrängen und vergessen“ – so, und damit sehr treffend, beginnt der Rektor der Universität Graz, aktuell Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung, sein Vorwort für den bemerkenswerten Sammelband Der „schwierige“ Umgang mit dem Nationalsozialismus an österreichischen Universitäten.

Im ersten Hauptkapitel beleuchten die HerausgeberInnen Heimo Halbrainer, Susanne Korbel, Gerald Lamprecht und ihre MitautorInnen die Entwicklung der Universität Graz in der – noch – demokratischen Ersten Republik, das Abgleiten in eine gleichgeschaltete Einrichtung der autoritären austrofaschistischen Diktatur, ihren Werdegang nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 an das nationalsozialistische Deutsche Reich und schließlich der Entnazifizierung nach 1945. Letztere ist, das darf als bekannt vorausgesetzt werden, vielfach gescheitert.

Gerald Lamprecht weist bereits im ersten Unterkapitel auf eine Besonderheit der Grazer Universität hin, die sie etwa von jener in der Bundeshauptstadt unterscheidet. In Graz fand der ideologische – und vielfach auch handgreifliche – Bodenkampf nicht in erster Linie, wie an der Universität Wien, zwischen den demokratisch progressiven Lehrenden und Studierenden – Liberalen und SozialdemokratInnen – einerseits und jenen Rechtsextremen andererseits statt, die bereits vielfach als ein ideologisch nur schwer unterscheidbares antidemokratisches und radikal antisemitisches, ja faschistisches Konglomerat bezeichnet wurden. Vielmehr teilten sich in Graz, mehr oder weniger, christlichsoziale und deutschnationale Korporationen die „Kampfzone Universität“. Früh destabilisierten sie die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen der jungen Republik, spätestens ab 1927 verfolgten sie unverhohlen jene politischen Vorstellungen, die schließlich in der autoritären austrofaschistischen Diktatur 1933-1938 und der totalitären nationalsozialistischen Diktatur 1938-1945 traurige Wirklichkeit werden sollten.

Was dieses rechtsextreme Milieu unter anderem einigte, bringt Lamprecht so auf den Punkt: „Auch wenn es zwischen katholischen und nationalen Studenten heftige Widersprüche gab, so konnten die antisemitischen und deutschnationalen Studenten im Bereich des Antisemitismus jedoch stets auf eine formelle Allianz mit den katholischen Studenten sowie informelle Allianzen mit deutschnationalen Professoren zählen.“ (Seite 21)

Die weiteren Beiträge des ersten Unterkapitels, kompetent und informativ verfasst von Hans Peter Weingand, Georg Gänser, Marco Jandl, Anna Klieber, Thomas Knapp, Ilse Korotin, Bernhard Thonhofer und Andrea Kreditsch, beschäftigen sich mit der Nachkriegszeit und dem – meist vergeblichen – Bemühen, die Universität Graz von ihrem nationalsozialistischen Gedankengut und ihrem ewig gestrigen Lehrpersonal zu befreien. Was die Zeit des Austrofaschismus betrifft, war ein solches Bemühen, mangels Problembewusstseins, ohnehin von vornherein obsolet.

Erst wissenschaftliche Ausstellungen und Publikationen jüngeren Datums – zu nennen wären hier vor allem die bahnbrechende Ausstellung des Jüdischen Museums Wien 2015/16 samt dem begleitenden Katalog „Die Universität. Eine Kampfzone. The University. A Battleground“ sowie die Dissertation von Linda Erker „Die Universität Wien im Austrofaschismus“ – haben deutlich aufgezeigt, dass die schwarz-braunen, will heißen: austrofaschistisch-nationalsozialistischen Netzwerke an österreichischen Universitäten bis spät in die Nachkriegszeit hielten.

Die üblichen Strategien an den Universitäten, eine historisch-politische Aufarbeitung im Sinne eines modernen demokratischen Staatsverständnisses und die dazu notwendige Entnazifizierung zu unterlaufen, entlarvt Heimo Halbrainer am Beispiel des Grazer Instituts für Geschichte. Schwer belastete Professoren, wie Ferdinand Bilger, werden in Bittbriefen von Rektoren und Dekanen an Entnazifizierungskommissionen als „unentbehrlich“ erklärt, um sie vor der „staatlichen Säuberung“ zu retten.

Die Geschichte der vertriebenen und ermordeten Professoren und Studierenden interessierte (zu) lange ebenso wenig wie die Karrieren jener, die die Ziele der Diktaturen unterstützt und mitgetragen, zumindest aber davon profitiert hatten. Halbrainer nennt als Ansatz einer ersten ernsthaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus an der Universität Graz den Band „Grenzfeste Deutscher Wissenschaft“, erschienen 1985 anlässlich der 400-Jahrfeier der Universität Graz. (Seite 142)

Im zweiten Hauptkapitel werden Parallelen zu anderen österreichischen Universitäten aufgezeigt, vor allem aber auch unterschiedliche Geschwindigkeiten der antifaschistischen Aufarbeitung. Hans Peter Weingand beschäftigt sich, in seinem zweiten Beitrag, mit der Technischen Hochschule Graz, Markus Lenhard und Julia Mair untersuchen die Kunstuniversität Graz. Die Entnazifizierung an den Wiener Universitäten und wissenschaftlich orientierten Instituten wiederum beschreiben Walter Manoschek, Hans und Roman Pfefferle, Juliane Mikoletzky, Alexandra Wieser, Lisa Rettl, Johannes Koll, Paulus Ebner, Gunnar Mertz, Johannes Feichtinger und Sandra Klos.

Ina Friedmann und Dirk Rupnow, Universität Innsbruck, beschreiben ein Phänomen, das wohl für alle österreichischen Universitäten zutrifft: „Dass aber mit der wachsenden Distanz zum Nationalsozialismus die Vorbehalte gegenüber seinen VertreterInnen quasi proportional abnahm, ermöglichte die Wiedereingliederung auch exponierter Nationalsozialisten – wie etwa das Beispiel Harold Steinacker zeigt – in die wissenschaftliche Community.“

Und die beiden kritisieren auch die mangelnde Aufarbeitung der österreichischen Diktatur 1933-1938; und loben im Gegenzug neuere Entwicklungen: „Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Jahren des Austrofaschismus wie mit jenen der NS-Herrschaft konnte daher erst erfolgen, als eine neue Generation von AbsolventInnen an die österreichischen Universitäten kam und durch die wachsende zeitliche Distanz auch die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit als nunmehr historischem Zeitabschnitt möglich wurde.“

Eine Entnazifizierung hätte freilich auch jenen (ehemaligen) Nationalsozialisten gutgetan, die nach Zusammenbruch des NS-Regimes bevorzugt „an die Hochschulen der Steiermark und Tirols“ flüchteten, hier inskribierten, vielfach ihr Studium auch abschlossen – und, so ist in den meisten Fällen zu vermuten, weiterhin ihr überkommenes Gedankengut hoch hielten. Ein einfaches Abstreiten ihrer Gesinnung vor den Behörden reichte wohl aus, um ihre „Wiedereingliederung“ zu bestätigen.

Alles in allem ist dieser zeitgeschichtliche Sammelband ein wichtiger Baustein für ein historisch-adäquates Selbstverständnis an den höchstrangigen Bildungs- und Forschungsinstituten unserer demokratischen Republik. Die Lektüre darf empfohlen werden.

Werner Anzenberger

Heimo Halbrainer, Susanne Korbel, Gerald Lamprecht: Der „schwierige“ Umgang mit dem Nationalsozialismus an österreichischen Universitäten. Die Karl-Franzens-Universität Graz im Vergleich, Verlag Clio, Graz 2022, ISBN 978-3-902542-74-8, 530 Seiten, € 29,50.

Illustration: Cover_schwieriger_Umgang.jpg

Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer 4-5-6/2023“ 

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