23. Jänner 2022: 125.Geburtstag: Gedenken an Margarete Schütte-Lihotzky

Margarete Lihotzky studierte von 1915 bis 1919 als erste und damals einzige Frau Architektur an der k.k. Kunstgewerbeschule in Wien, der späteren Hochschule für angewandte Kunst. 1916 konnte sich niemand vorstellen, dass man eine Frau damit beauftragen wird, ein Haus zu bauen – nicht einmal ich selbst, erzählte sie viele Jahrzehnte später. Sie habe jedoch unbedingt an der Kunstgewerbeschule studieren wollen, die damals sicher die beste Kunstschule der Monarchie, wenn nicht in ganz Europa gewesen sei, denn schließlich unterrichteten dort Josef HoffmannAnton Hanak, Rudolf Larisch und Oskar Kokoschka.

1920 erhielt die junge Architektin einen Preis für die Planung einer Schrebergartenanlage, die sie in Kontakt mit der Siedlerbewegung brachte, die nach neuen Antworten auf die ungeheure Wohnungsnot im Wien der Nachkriegszeit suchte.

Ab 1922 arbeitete Margarete Lihotzky für die „Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs“ und war gemeinsam mit Adolf Loos im Baubüro der Siedlung Friedensstadt am Lainzer Tiergarten tätig.

1926 wurde Margarete Lihotzky vom deutschen Architekten Ernst May ins Frankfurter Hochbauamt berufen. Hier entwarf sie Einrichtungen für Kindergärten, Wäschereien, Wohnungen für alleinstehende und berufstätige Frauen und schrieb mit ihrer „Frankfurter Küche“ Architekturgeschichte.

Dieser Prototyp einer zeitgemäßen Einbauküche zeichnete sich durch einen bis ins kleinste Detail durchdachten Funktionalismus aus. Ein Nachbau ist heute im MAK zu sehen. In Wien war Margarete Lihotzky noch an einigen Gemeinschaftsprojekten, wie dem Winarskyhof, dem Otto-Haas-Hof oder der Werkbundsiedlung, beteiligt.

1927 heiratete sie den Architekten Wilhelm Schütte und arbeitete ab 1930 mit einer Gruppe Frankfurter Architekten in der damaligen Sowjetunion an der Errichtung von Arbeitersiedlungen, Schulen und Kindergärten. 1938 ging sie, wie viele ihrer Kollegen, in die Türkei und war an der Akademie der Schönen Künste in Istanbul tätig. Im türkischen Exil entschloss sich Schütte-Lihotzky, aktiv gegen das NS-Regime in ihrer Heimat zu kämpfen. Ende Dezember 1940 reiste sie aus dem sicheren Istanbul nach Wien und schloss sich hier einer kommunistischen Widerstandsgruppe an. Margarete Schütte-Lihotzky wurde allerdings bereits am 22.1.1941 verhaftet und im darauffolgenden Jahr zu 15 Jahren Kerker verurteilt – die meisten ihrer Mitangeklagten bezahlten ihr Engagement mit dem Leben.

1945 wurde Schütte-Lihotzky aus dem Gefängnis im bayerischen Aichach befreit und kehrte nach Wien zurück. In Österreich wurde ihr jedoch lange Zeit die gebührende Anerkennung versagt, und auch die Aufträge blieben aus. Sie arbeitete deshalb als Beraterin in Bulgarien, China, Kuba und der DDR. Erst 1980 erhielt Margarete Schütte-Lihotzky als späte Anerkennung ihres Lebenswerkes den Preis für Architektur der Stadt Wien und 1988 das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.

Der 1997 im Zuge eines Tiefgaragen- und Wohnungsneubaus entstandene kleine Park am Mittersteig im 5. Bezirk wurde nach der gebürtigen Margaretnerin Margarete-Schütte-Lihotzky-Park benannt. Und auch der 1997 nach Plänen von Elsa Prohazka fertiggestellte Margarete-Schütte-Lihotzky-Hof, 21., Carminweg 6 / Donaufelder Straße 99, trägt ihren Namen.

Werk: Erinnerungen aus dem Widerstand, 1985; Warum ich Architektin wurde, 2004.
Literatur: Charles S. Chiu, Frauen im Schatten, 1994; Edith Friedl, Nie erlag ich seiner Persönlichkeit… – Margarete Lihotzky und Adolf Loos. Ein sozial- und kulturgeschichtlicher Vergleich, 2005; Maria Magdalena Mayer, Architektur und soziales Gewissen. Das Frühwerk von Margarete Schütte-Lihotzky, 2002; Peter Noever (Hrsg.), Margarete Schütte-Lihotzky. Soziale Architektur, 1993; Anita Zieher, Auf Frauen bauen. Architektur aus weiblicher Sicht, 1999.

Aus: http://www.dasrotewien.at/seite/schuette-lihotzky-margarete

Auszeichnungen

Bauten (Auswahl)

Schriften (Auswahl)

  • Rationalisierung im Haushalt. In: Das neue Frankfurt. Heft 5, S. 120–123. Frankfurt 1927.
  • Erinnerungen aus dem Widerstand 1938–1945. Volk und Welt, Berlin 1985. Neuausgabe: Erinnerungen aus dem Widerstand: Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938–1945. Promedia, Wien, ISBN 3-900478-80-5.
  • Warum ich Architektin wurde. Residenz, Salzburg 2004, ISBN 3-7017-1369-3.
  • Millionenstädte Chinas: Bilder und Reisetagebuch einer Architektin (1958). Hrsg. von Karin Zogmayer. Springer, Wien 2007, ISBN 3-211-71583-5.

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