Vor 25 Jahren starb unser ehemaliger Bundesvorsitzender Gen. Leo Mistinger. Zur Erinnerung an ihn bringen wir diesen Artikel von Ernst Nedwed, langjähriger Weggefährte und Bundesvorsitzender von 2007-2013: Am 19. April 2001 mussten wir unserem Ehrenvorsitzenden Leo Mistinger in der Feuerhalle Simmering das letzte Geleit geben. Er war am 3. April, kurz nach seinem 97. Geburtstag, verstorben.
Leo Mistinger ist als Sohn einer kinderreichen Arbeiterfamilie auf engstem Wohnraum in Wien-Rudolfsheim aufgewachsen. Seine Eltern traten schon bald nach dem Einigungsparteitag von Hainfeld der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Mit zehn Jahren trug er in seinem Wohnbereich die „Arbeiter-Zeitung“ aus. Von den Kinderfreunden kam er in die Sozialistische Arbeiterjugend, in der 1919 die Bezirksgruppe Fünfhaus gegründet wurde; Mistinger baute eine große Jugendorganisation mit mehreren Gruppen auf. Als Bezirksjugendobmann arbeitete er insbesondere mit dem populären Abgeordneten August Forstner eng zusammen. In jenen hoffnungsvollen Jahren der Ersten Republik lernte er in der SAJ unter anderen Bruno Kreisky, Alois Piperger und Karl Czernetz, vor allem aber seine Frau Paula Mraz, die Sekretärin von Otto Kanitz war, kennen. In dieser großen Zeit des Roten Wien waren Leo und Paula Mitorganisatoren des eindrucksvollen internationalen sozialistischen Jugendtreffens im Juli 1929 in Wien, im erfolgreichen Wahlkampf im Herbst 1930 war Mistinger als Jugendredner aktiv.
In der Zeit der zunehmenden faschistischen Gefahr übten viele junge Sozialisten Kritik an der oft zurückweichenden Haltung der Parteiführung. Als die Kämpfe im Februar 1934 ausbrachen, war es auch für Leo Mistinger eine niederschmetternde Erfahrung, dass die Verteidigungspositionen des Kreises Wien-West an die Polizei verraten worden waren. Als Funktionär der illegalen Revolutionären Sozialisten wurde er am 31. Jänner 1935 verhaftet und lernte erstmals das Gefängnis kennen. In diese Zeit fiel der tragische Verlust seiner Frau. Paula Mraz-Mistinger hatte in Brünn an der Reichskonferenz teilgenommen und im Auftrag Otto Bauers den Vertriebsapparat der aus der CSR geschmuggelten, illegalen Arbeiter-Zeitung aufgebaut. Durch Verfolgung und Krankheit geschwächt, starb sie im Mai 1935.
Aus den Akten der austrofaschistischen Polizei wurde Mistinger 1938 auch Hitlers Gestapo bekannt. Lange konnte Mistinger seine geheimen Kontakte mit anderen Genossen vor den Augen der Häscher verbergen. Als er Bekannten von früher, die mit dem Fallschirm über Polen abgesprungen waren und sich nach Wien durchschlagen konnten, Unterschlupf verschaffte, wurde er 1943 verhaftet und nach achtmonatiger Gestapohaft mit brutalen Verhören durch den gefürchteten Folterer Johann Sanitzer in das KZ Flossenbürg eingewiesen. Er war unter jenen, deren Rückkehr nach den Gestapo-Weisungen verhindert werden sollte, aber die Hilfsbereitschaft anderer Genossen im Lager verhinderte diesen tödlichen Ausgang.
Nach seiner Rückkehr aus dem KZ im Juni 1945 stellte sich Mistinger sofort wieder seiner Partei zur Verfügung. Schon 1945 wurde er in den Wiener Landtag und Gemeinderat gewählt, 1963 wurde er Bezirksvorsteher in Rudolfsheim-Fünfhaus, 1968 wurde er SPÖ-Bezirksvorsitzender (die Funktion gab er 1970 an Hans Mayr ab) und wechselte in den Nationalrat. 1989 wurde er „Bürger der Stadt Wien“ – eine Ehrung, womit sein Einsatz für die Wiener Kinder und Jugendlichen nach 1945, auch im Rahmen der Aktion „Jugend am Werk“ sowie sein antifaschistisches Engagement im Widerstand gewürdigt wurden. 1990, nach dem Ableben von Josef Hindels, stellte sich Mistinger den Freiheitskämpfern als geschäftsführender Vorsitzender zur Verfügung und setzte eine Reihe von Organisationsreformen durch. Am 18. November 1990 zum Vorsitzenden unseres Bundes gewählt, übte er diese Funktion bis 1992 aus. 1996 wurde er, gemeinsam mit Erna Muzik, zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Bis in seine letzten Lebenstage nahm er aktiv an allen Aktivitäten des Bundes teil. Bei der Verabschiedung in der Feuerhalle wurde Leben und Wirken dieses aufrechten Sozialdemokraten, dessen politischer Einfluss durch seine Vorbildhaltung und durch seine Gabe, allfällige Konflikte immer zu einem versöhnlichen Schluss zu führen, weit über seine tatsächlichen Funktionen hinausging, von SPÖ-Vorsitzendem Alfred Gusenbauer, vom vormaligen Bezirksobmann Hans Mayr und vom Vorsitzenden der Freiheitskämpfer, Alfred Ströer, gewürdigt.
Leo Mistinger, Sozialdemokrat, Antifaschist und Zeitzeuge eines Jahrhunderts bleibt unvergessen.
Ernst Nedwed (2001)
Text: erschienen in „Der sozialdemokratische Kämpfer“: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6
Link zur Gesamtausgabe: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/03/DSK_1-2-3_2026.pdf