12. April 2026: Erinnern an Hans Lagger (* 24. Juni 1882 in Mauthen; † 12. April 1949 in Wien) 

Hans Lagger. Von der Kärntner Peripherie in das Herz der Sozialdemokratie

Das Leben des Hans Lagger ist die Geschichte eines vergessenen Sozialreformers, eines Kärntner Pioniers der Sozialdemokratie, Antifaschisten und Kämpfers für die Demokratie in Österreich. Anhand seines Lebens lässt sich die Geschichte Österreichs erzählen – beginnend in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie über den Ersten Weltkrieg, die Erste Republik, den Austrofaschismus, die Zeit des Nationalsozialismus und den Beginn der Zweiten Republik. Es ist die Geschichte eines ebenso aufrichtigen und verwegenen wie vergessenen Menschen. Außergewöhnlich an seiner Biographie ist aber, dass ausgerechnet einer aus der rein agrarisch geprägten Peripherie der Monarchie, weit weg von den Zentren und den Fabriken, den eigentlichen Lebenswelten und Rekrutierungsstätten des Nachwuchses der Sozialdemokratie, zu einem glühenden Verfechter ebendieser aufstieg.

Der Vater als Vorbild und der Weg zur Sozialdemokratie

Geboren wurde Hans Lagger am 24. Juni 1882 in Mauthen im Gailtal. Entscheidend für seine Prägung sollte sein Vater Michael werden, der im Gegensatz zur Mutter und den meisten anderen in der Gegend des Lesens und Schreibens vollumfänglich mächtig war. Im abgelegenen Mauthen dieser Zeit, mit dem durch Arbeit und Religion getakteten Jahres- und Lebensrhythmus, war der Zimmermann Michael Lagger lange der erste und einzige Abonnent der Arbeiter-Zeitung. Er schaffte bei vielen Landlosen und Arbeiter:innen in dieser abgelegenen Region als Erster das, was man Klassenbewusstsein nennen könnte. Auch bei seinem Sohn Hans. Fest steht: Hans Lagger hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Alter von 20 Jahren beschlossen, sein Leben ganz der sozialdemokratischen Sache zu widmen. All seine Bemühungen galten dem Aufbau sozialdemokratischer Vereine und Strukturen abseits der Kärntner Städte.

Im Ersten Weltkrieg wurde Lagger Offizier. Sein militärisches und strategisches Wissen sollte ihm später beim Aufbau des Republikanischen Schutzbundes in Kärnten zugutekommen. Nach seiner Zeit in der Armee wurde Lagger Soldatenrat in Graz und nahm später am sogenannten „Kärntner Abwehrkampf“ teil. Unter dem sozialdemokratischen Landeshauptmann Florian Gröger wurde Lagger 1921 Landesrat für Soziales. Nachdem sich Lagger in der Landespolitik bewiesen hatte, wurde er bei den dritten Nationalratswahlen in der Geschichte der Republik im Jahre 1927 in das österreichische Parlament gewählt. Diese Jahre waren von zunehmenden politischen Spannungen und Instabilität gekennzeichnet.

Mit der Ausschaltung der Demokratie 1934 endete für Lagger die offizielle, legale politische Arbeit. Für ihn und viele seiner Genoss:innen begann nun die Zeit, in der sie sich nicht mehr legal und öffentlich politisch engagieren konnten. In seinem Buch „Die Wahrheit über Dachau“ wurde in einem Satz, beinahe nebenbei erwähnt, dass Lagger bereits zu dieser Zeit für einige Monate in „Schutzhaft“ genommen wurde.

Von der Gestapo verhaftet und KZ Dachau

Im August 1944 wurde der bereits 62-Jährige Opfer einer NS-Deportationswelle, die nach dem missglückten Stauffenberg-Attentat auf Hitler einsetzte. Lagger landete im KZ-Dachau. Dieses wird er für ein knappes Jahr überleben, ehe er und seine Mitgefangenen von der US-Armee befreit wurden. Von einer schnellen Heimkehr in die Kärntner Heimat konnte in seinem Fall aber keine Rede sein. Dass er überhaupt überlebte, war hauptsächlich der erstklassigen Versorgung durch amerikanische Ärzte und Schwestern zu verdanken. Kurz nach seiner Befreiung verfasste Lagger das Werk „Die Wahrheit über Dachau“. Es musste ein enormer Kraftakt gewesen sein, das grauenvolle Erlebte wieder und wieder im Kopf durchzuspielen, um es ordnen und niederschreiben zu können. Er tat dies aber, um Zeugnis abzulegen. Als das politisch motivierte Verdrängen der NS-Verbrecher, der Mitläufer und Nutznießer einsetzte, stand Lagger auf, indem er dagegen anschrieb. 1949 wurde er als Vertreter Kärntens in den Bundesvorstand der Sozialistischen Freiheitskämpfer gewählt.

Zurück in die Politik und in den ersten Nationalrat der Zweiten Republik

Bei den ersten Wahlen in der Zweiten Republik am 25. November 1945 wurde Hans Lagger für die SPÖ erneut in den Nationalrat gewählt, wo er bis zu seinem Tod am 12. April 1949 blieb. Traurig: Weder in seinem Geburts- und Heimatort Mauthen oder sonstwo erinnert etwas an den verdienten Kämpfer für die Menschen und die österreichische Demokratie Hans Lagger.

Eine ausführlichere Biografie steht im Buch „Ins Rampenlicht“ (siehe „Kämpfer“ 4/2025 S. 17) bzw. wurde „Die Wahrheit über Dachau“, 1946 im Auftrag des Opferfürsorgereferates der SPÖ für ehemals politisch Verfolgte herausgegeben, im Rahmen der Vereinstätigkeit von „Erinnern Gailtal“ neu veröffentlicht.

Bernhard Gitschthaler

Foto: Credit: Verein Erinnern Gailtal, Hans Lagger (l.) bei seiner Rückkehr 1945 mit LAbg. Hans Herke

Text: erschienen in „Der sozialdemokratische Kämpfer“: https://www.freiheitskaempfer.at/?cat=6
Link zur Gesamtausgabe: https://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2026/03/DSK_1-2-3_2026.pdf

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