Otto Felix Kanitz (1894–1940)
Kinderfreund, Pädagoge und sozialdemokratischer Bildungspolitiker
Otto Felix Kanitz wurde am 5. Februar 1894 in Wien geboren und war Sozialist, Pädagoge, Autor und Politiker der Sozialdemokratie. Er gehörte zu jenen Persönlichkeiten der Zwischenkriegszeit, die Bildungsarbeit als Kernprojekt sozialer Demokratie verstanden. Kanitz wurde nach dem „Anschluss“ von den Nationalsozialisten verhaftet und starb am 29. März 1940 im Konzentrationslager Buchenwald.
Frühe Brüche und Bildungsweg
Kanitz stammte aus einer jüdischen Familie. Nach der Scheidung der Eltern wurde er gemeinsam mit seinen Brüdern dem Vater zugesprochen, getauft und in einem katholischen Waisenhaus erzogen. Er besuchte Volksschule und Bürgerschule, begann eine Lehre und holte später die Externistenmatura (1918) nach. Anschließend studierte er Philosophie und Pädagogik und schloss das Studium 1922 mit einer Dissertation ab.
Einstieg in die Arbeiterbewegung
Schon als Jugendlicher engagierte sich Kanitz für die Sozialdemokratie: 1911 unterstützte er den Sozialdemokraten Max Winter im Wahlkampf, ab 1912 sprach er vor Jugendgruppen. Während des Ersten Weltkriegs wurde er 1916 zum Landsturmdienst einberufen und arbeitete gleichzeitig in der Bildungs- und Kinderarbeit der Arbeiterbewegung. In dieser Zeit schrieb er auch literarische Texte und Beiträge für die Kinderzeitung „Kinderland“.
Für seine politische und pädagogische Entwicklung waren in deinen Texten besonders Hermine Weinreb und Anton Afritsch als wichtige Bezugspersonen genannt, außerdem der Austausch mit Wissenschaftlern wie Wilhelm Jerusalem, der Kanitz’ Haltung zu Religion und Kirche differenzierte: Er lehnte Spott und „billige“ Freidenkerei ab, unterschied aber klar zwischen persönlichem Glauben und kirchlichen Machtansprüchen.
Kinderfreunde: Demokratie lernen – in der „Kinderrepublik“
Kanitz wurde zu einer Schlüsselfigur der Kinderfreunde, der sozialdemokratischen Kinder- und Bildungsorganisation. Bereits 1919 leitete er in Gmünd eine große Ferienkolonie in einem ehemaligen Lager: In zwei Turnussen wurden jeweils hunderte Kinder betreut. Kanitz setzte dort ein pädagogisches Modell um, das Mitbestimmung praktisch erfahrbar machen sollte – mit gewählten Vertrauensleuten und Vollversammlungen, in denen das Zusammenleben gemeinsam organisiert wurde. Diese Lager gelten in deinen Texten als frühe Form österreichischer „Kinderrepubliken“.
Der Erfolg dieser Arbeit führte dazu, dass Kanitz auch die Leitung der Schönbrunner Erzieherschule übernahm, die in Räumen des Schlosses Schönbrunn aufgebaut wurde. Dort wurden junge Menschen für sozialistische Erziehungsarbeit ausgebildet, und eine Gruppe von Pädagog*innen und Intellektuellen vermittelte eine sozialkritische Pädagogik.
„Die Sozialistische Erziehung“ und pädagogische Grundlinien
Von 1921 bis 1934 prägte Kanitz als verantwortlicher Redakteur bzw. Schriftleiter die Zeitschrift „Die Sozialistische Erziehung“. Er veröffentlichte außerdem Bücher und Beiträge, in denen er sozialistische Erziehungsziele systematisch darlegte. Zu den in deinen Texten genannten zentralen Werken zählen:
- „Kampf und Bildung“ (1920)
- „Das proletarische Kind in der bürgerlichen Gesellschaft“ (1925)
- „Kämpfer der Zukunft“ (1929)
Sein Ansatz zielte darauf, Bildung nicht als reine Fürsorge zu verstehen, sondern als bewusste Erziehungs- und Emanzipationsarbeit, die Kindern Freiheit, Würde und solidarisches Handeln erfahrbar macht.
Sozialistische Arbeiterjugend und parlamentarische Funktion
Ab den 1920er-Jahren war Kanitz stark in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) aktiv: 1926 wurde er Wiener Obmann, 1930 Bundesobmann. In deinen Texten wird hervorgehoben, dass er für viele junge Menschen eine prägende Bezugsperson war; auch Bruno Kreisky wird in diesem Zusammenhang erwähnt.
Politisch war Kanitz zudem von 1932 bis 1934 Mitglied des Bundesrates als Vertreter Wiens.
Flucht, Verfolgung und Tod
Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratie floh Kanitz zunächst nach Brünn, kehrte jedoch später wieder nach Wien zurück. Nach 1934 lebte er zunehmend unter schwierigen Bedingungen.
Im November 1938 wurde er als Jude und als Angehöriger der Revolutionären Sozialisten von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Dort starb er am 29. März 1940.
Erinnerung und Nachleben
Otto Felix Kanitz blieb als Kinderfreund und Bildungsreformer präsent. In Wien erinnern mehrere Benennungen und Zeichen des Gedenkens an ihn, darunter:
- die Kanitzgasse (seit 1966)
- eine Gedenktafel am Parlamentsgebäude
- der Otto-Felix-Kanitz-Hof (Benennung 2019)
Die den Angehörigen zugesandte Urne befindet sich nach späterer Umbettung am Heiligenstädter Friedhof.
In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde Kanitz’ Werk im Zuge neuer pädagogischer Debatten wieder stärker rezipiert. In deinen Texten wird er als wichtiger Wegbereiter moderner, demokratischer Erziehung hervorgehoben.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Felix_Kanitz
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Otto_Felix_Kanitz
https://www.dasrotewien.at/seite/kanitz-otto-felix
https://www.wienerwohnen.at/hof/1527/Otto-Felix-Kanitz-Hof.html
Titelbild: (c) Kinderfreunde via https://www.dasrotewien.at/seite/kanitz-otto-felix