1. Februar 2026: Gedenken an Christian Broda (12.3.1916-1.2.1987)

Christian Broda (1916–1987)

Justizreformer, Widerstandskämpfer und prägende Figur der Zweiten Republik

Christian Broda wurde am 12. März 1916 in Wien geboren und wuchs in einem weltoffenen, bürgerlichen Umfeld auf, das stark von Recht, Kultur und Wissenschaft geprägt war. Sein Taufpate war der Rechtsphilosoph Hans Kelsen, sein Onkel der Regisseur G. W. Pabst. Früh kam Broda mit sozialistischen Ideen in Berührung und engagierte sich bereits als Jugendlicher in der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler sowie in der linken Jugendbewegung.


Verfolgung, Widerstand und Studium

Die politischen Auseinandersetzungen der Ersten Republik prägten Brodas frühen Lebensweg nachhaltig. Nach dem Österreichischen Bürgerkrieg 1934 wurde er wegen kommunistischer Betätigung inhaftiert und zeitweise vom Studium ausgeschlossen. Dennoch nahm er später an der Universität Wien das Studium der Geschichte und der Rechtswissenschaften auf und promovierte 1940.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Broda zur deutschen Wehrmacht eingezogen. 1943 geriet er wegen Kontakten zu einer kommunistischen Widerstandsgruppe ins Visier der Gestapo und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Noch vor Kriegsende schloss er sich im Innviertel der österreichischen Widerstandsbewegung an.


Neubeginn nach 1945 und Weg in die Politik

Nach dem Krieg eröffnete Christian Broda eine Rechtsanwaltskanzlei und trat im Sommer 1945 von der KPÖ zur SPÖ über, von der er sich eine klarere demokratische Orientierung versprach. Über die Vereinigung Sozialistischer Juristen fand er rasch Zugang zur Parteiarbeit.

1957 wurde Broda Mitglied des Bundesrates, ab 1959 gehörte er dem Nationalrat an, dem er bis 1983 ohne Unterbrechung angehörte. Parallel dazu blieb er als Jurist und Publizist tätig.


Justizminister und Reformpolitiker

1960 wurde Christian Broda erstmals zum Bundesminister für Justiz ernannt. Seine politische Bedeutung erreichte ihren Höhepunkt in den SPÖ-Alleinregierungen unter Bruno Kreisky (1970–1983), in denen er erneut das Justizressort leitete.

Mit Broda sind zentrale Reformen des österreichischen Rechtsstaates verbunden, darunter:

  • die Aufhebung der Todesstrafe (1968),
  • die große Reform des Familien- und Kindschaftsrechts, einschließlich der Gleichstellung von Mann und Frau sowie der rechtlichen Besserstellung unehelicher Kinder,
  • die Strafrechtsreformen der 1970er-Jahre mit der Einschränkung der Strafbarkeit der Homosexualität und der Einführung der Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch,
  • Reformen im Konsumentenschutz, im Sachwalterrecht und im Strafvollzug.

Broda verfolgte dabei das Ziel eines humaneren Strafrechts und sprach wiederholt von der Vision einer langfristig „gefängnislosen Gesellschaft“.


Kontroversen und Kritik

Neben seinen Reformleistungen blieb Brodas Amtszeit nicht frei von Kritik. Ihm wurde vorgeworfen, die Justiz politisch beeinflusst zu haben – insbesondere durch eine sehr zurückhaltende Verfolgung von NS-Verbrechen. Kritiker wie Simon Wiesenthal warfen ihm vor, durch das Einstellen oder Verschleppen von Verfahren faktisch eine „kalte Amnestie“ ermöglicht zu haben. Besonders umstritten war sein Verhalten im Zusammenhang mit dem NS-Arzt Heinrich Gross, gegen den während Brodas Amtszeit kein Verfahren eröffnet wurde.

Diese Widersprüche prägen bis heute die Bewertung seiner politischen Rolle.


Engagement über das Amt hinaus

Auch nach seinem Ausscheiden aus der Bundesregierung blieb Broda politisch aktiv. Er engagierte sich für Menschenrechte, Asylfragen und die internationale Ächtung der Todesstrafe. Von 1962 bis zu seinem Tod war er zudem Präsident des ARBÖ.

1987 erhielt er den Menschenrechtspreis des Europarates. Wenige Wochen später, am 1. Februar 1987, starb Christian Broda in Wien.


Erinnerung und Bedeutung

Christian Broda wurde in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Mehrere Orte und Institutionen tragen heute seinen Namen, darunter der Christian-Broda-Platz in Wien-Mariahilf und das Christian-Broda-Bildungsheim. Sein umfangreicher Nachlass wird in der Österreichischen Nationalbibliothek wissenschaftlich betreut.

Christian Broda bleibt eine ambivalente, aber zentrale Figur der österreichischen Zeitgeschichte: ein Justizreformer mit großem Einfluss auf die Liberalisierung des Rechtsstaates, zugleich ein Politiker, dessen Umgang mit der NS-Vergangenheit kritisch hinterfragt werden muss. Gerade diese Spannungen machen ihn zu einer wichtigen Persönlichkeit für sozialdemokratische Bildungsarbeit und historische Auseinandersetzung.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Broda
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Christian_Broda
https://rotbewegt.at/biografien/christian-broda/
https://www.parlament.gv.at/person/79

Titelbild: VGA

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