29. April 2025: Rückschau: Lesung „Akteneinsicht. Marie Jahoda“ vom 09. Dezember 2024

Gibt es die hohe Kunst historische Erkenntnisse zu präsentieren? Wer das Glück hatte im Rabenhof in Wien am 9. Dezember 2024 eine Karte für die Veranstaltung „…den Tatbestand leugnen, nicht die Gesinnung“ zu ergattern, der kann sagen, eine Premiere dieser selten geübten Kunst erlebt zu haben.

Wessen die Besucherinnen und Besucher hier Zeugen wurden ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu sagen. War es ein Theater, war es eine Lesung und wer hat hier Regie geführt? War es vielleicht Bert Brecht oder gar Peter Weiss? Die beiden werden ihre Rolle gespielt haben im Hinterkopf der Akteurinnen und Akteure, da bin ich mir sicher. Wenn die beiden noch leben würden, sie würden mit Verwunderung und auch Trauer feststellen müssen, dass die von ihnen gepflegte Form, die Menschen zum Denken, zum Nachdenken anzuregen, nicht mehr gefragt ist, aus der Mode gekommen zu sein scheint. Und doch setzt sich ihre Kunst zuweilen immer noch durch und kann Säle füllen.
Ein Glücksfall, Zufall? Dass eine der Akteurinnen des Abends, die Schauspielerin Maria Hofstätter, einer der Protagonistinnen in diesem Programm, der Sozialwissenschaftlerin und politischen Aktivistin Marie Jahoda, ähnelt ist so eine glückliche Fügung, aber auch irgendwie nebensächlich.
Was war zu erleben an diesem Abend? Auf dem Programmzettel steht „Maria Hofstätter liest aus ‚Akteneinsicht. Marie Jahoda in Haft‘. Ein Manifest für Widerstand und Demokratie. ‚…den Tatbestand leugnen, nicht die Gesinnung‘“. So sperrig der Titel.
Neben Maria Hofstätter waren noch auf der Bühne zu erleben Andreas Kranebitter, Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, und Meinrad Ziegler, Herausgeber des Buches „Akteneinsicht. Marie Jahoda in Haft“. Nicht zu vergessen jedoch die zweite Frau am Podium, die Singer-Songwriterin Inga Lynch, die mit ihren klug ausgewählten Songs die Tür zu einer weiteren Dimension dieses Abends öffnet.

Das Programm bietet diese Geschichte von vier WiderstandskämpferInnen, zwei Frauen und zwei Männern. Marie Jahoda, war nicht nur Wissenschaftlerin (Die Arbeitslosen von Marienthal), sondern auch Aktivistin der Revolutionären Sozialisten gegen den Austrofaschismus. Mit ihr erinnert werden in diesem Programm ihre MitarbeiterInnen in der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle Marie Schneider und Fritz Keller. Und Josef Gerl war nach einem Sprengstoffanschlag und der Tötung eines Polizisten ein Opfer des Standgerichtes des Austrofaschismus. Engelbert Dollfuß hat zur Praxis des vollstreckten Todesurteils gemeint „Wir können Gott danken, dass es ein Roter und kein Nazi war, gegen den wir das neue Gesetz zuerst anwenden mussten.“

Eine gelungene Mischung aus historischer Erläuterung, Zitaten aus Briefen, Akten und Erinnerungen und musikalischer Begleitung. Mehr braucht es nicht. Kein Wort und kein Ton zu viel. Kein Pathos und kein Happy End.

Den Umgang mit den WiderstandskämpferInnen und den Opfern der Shoa, letztere wurden in der Opferfürsorge-Bürokratie als „passive Opfer“ diffamiert, hat Fritz Keller aus England in einem Brief als „Trägheit des Herzens“ beschrieben. Ein großer Abend, der nach Linz und Bad Ischl dann auch in Wien zu erleben war. Fortsetzung erwünscht.

Buchtipp: Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster, Meinrad Ziegler: Akteneinsicht. Marie Jahoda in Haft, Studienverlag, 256 Seiten, € 26,90

Text von Robert Streibel

Illustration: Jahoda_Lesung.jpg

Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer 1_2_3_2025“
Hier geht es zur gesamten Ausgabehttp://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2025/03/Kaempfer-1_2_3_2025.pdf

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