18. April 2025: Geburtstag von Hannes Androsch: Architekt wirtschaftlicher Vernunft – Sozialdemokrat aus Überzeugung – Ein Leben zwischen Engagement, Ökonomie und intellektuellem Gestaltungswillen

Hannes Androsch war vieles zugleich: ein brillanter Finanzpolitiker, ein intellektueller Gestalter, ein streitbarer Sozialdemokrat – und nicht zuletzt ein Mann mit außergewöhnlichem ökonomischem Gespür. Als er am 11. Dezember 2024 in seiner geliebten Wahlheimat Altaussee im Alter von 86 Jahren verstarb, verlor Österreich eine Persönlichkeit, die wie kaum eine andere die Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft verkörperte.

Geboren am 18. April 1938 in Wien, in eine Zeit, in der die Welt aus den Fugen geriet, war seine frühe Kindheit vom Krieg und seinen Folgen gezeichnet. Die Familie wurde während der letzten Kriegsjahre ins sudetendeutsche Piesling evakuiert. Der kleine Hannes erlebte dort nicht nur das Kriegsende, sondern auch die dramatischen Vertreibungen der deutschsprachigen Bevölkerung – Eindrücke, die sich tief in seine spätere Haltung zu europäischer Einigung und internationalem Dialog einschrieben.

Nach dem Krieg kehrte er mit seiner Familie nach Wien zurück. Der soziale Aufstieg, wie er vielen der Nachkriegsgeneration gelang, vollzog sich bei Androsch durch Bildung und Fleiß. Er maturierte 1956, absolvierte ein Studium an der Hochschule für Welthandel und schloss mit einer wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation ab. Schon früh legte er den Grundstein für eine Karriere als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer – ein solides Fundament, das seine spätere Rolle in der Finanzpolitik entscheidend prägte.

Sein politischer Aufstieg war ebenso steil wie eindrucksvoll: 1967 zog er in den Nationalrat ein, 1970 – mit gerade 32 Jahren – wurde er von Bruno Kreisky zum Finanzminister berufen. Der junge, dynamische Dkfm. Dr. Androsch galt bald als der „Kronprinz“ des Kanzlers, als Hoffnungsträger einer neuen Generation innerhalb der SPÖ – technokratisch versiert, aber tief in der Idee des sozialen Fortschritts verwurzelt. Als Vizekanzler ab 1976 war er zentral an den großen wirtschafts- und steuerpolitischen Weichenstellungen jener Ära beteiligt, die den österreichischen Sozialstaat konsolidierte und ausbaute.

Androsch war kein Parteisoldat, sondern ein intellektuell unabhängiger Geist. Seine wirtschaftsliberale Prägung und seine Nähe zu unternehmerischen Milieus sorgten innerhalb der Partei wiederholt für Spannungen, die schließlich auch zur Entfremdung von Kreisky führten. Der Vorwurf, wirtschaftliche Tätigkeiten nicht klar von seiner Ministerrolle getrennt zu haben, führte 1981 zum Rückzug aus der Politik – ein Abschied, der nicht nur ihn persönlich traf, sondern eine Lücke in der kompetenzorientierten Linie sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik hinterließ.

Doch Hannes Androsch war keiner, der sich zurückzog. Er schlug – mit beachtlicher Konsequenz – ein neues Kapitel auf: zunächst als Generaldirektor der Creditanstalt, später als erfolgreicher Unternehmer und Industrie-Investor. Er bewies, dass wirtschaftliches Denken und soziales Verantwortungsbewusstsein keine Gegensätze sein müssen. Auch wenn ihn juristische Auseinandersetzungen in den 1980er-Jahren unter Druck setzten – die politische Rechte nutzte dies mit sichtbarer Genugtuung – blieb sein Lebenswerk davon ungebrochen.

Gerade in seiner „zweiten Karriere“ bewies Androsch eine bemerkenswerte Fähigkeit, Wirtschaft neu zu denken. Als Aufsichtsratsvorsitzender etwa von AT&S – Europas führendem Leiterplattenhersteller – oder als Mitgestalter der Salinen Austria AG führte er Unternehmen mit Innovationsgeist und langfristiger Perspektive. Gleichzeitig baute er seine Beratungsgruppe A.I.C. aus und wurde zu einer Stimme, auf die in wirtschaftspolitischen Fragen gehört wurde – von Medien, aber auch von Entscheidungsträgern.

Ab den 2000er-Jahren wandte sich Androsch zunehmend wieder jenen Themen zu, die ihn zeitlebens beschäftigten: Forschung, Bildung und Wissenschaft. Als Vorsitzender des Forschungsrats, als Gründungsfigur des Austrian Institute of Technology (AIT), als Förderer der Montanuniversität Leoben oder durch die Hannes-Androsch-Stiftung an der Akademie der Wissenschaften: Er investierte nicht nur Mittel, sondern auch Überzeugung. Bildung war für ihn die eigentliche Zukunftsvorsorge der Republik.

Trotz aller intellektuellen Strenge war Androsch ein Mensch mit emotionaler Tiefe. Er war Familienmensch, Vater, Großvater – und auch spirituell ein Suchender. Zwar erklärte er sich selbst als Agnostiker, fühlte sich jedoch der altkatholischen Kirche verbunden. Freunde beschrieben ihn als „spirituellen Pragmatiker“ – ein Ausdruck, der auch auf seine Haltung zur Politik anwendbar scheint.

Die Sozialdemokratie verdankt Hannes Androsch viel: nicht nur als politisches Talent und Reformer, sondern auch als Mahner. Mit klarem Blick wies er immer wieder auf die Gefahren wirtschaftlicher Selbstzufriedenheit und bildungspolitischen Stillstands hin. Sein letztes Jahrzehnt war erfüllt von Debattenbeiträgen, Interviews, Büchern – oft zugespitzt, aber stets fundiert und am Gemeinwohl orientiert.

Hannes Androsch wurde vielfach ausgezeichnet, national wie international, akademisch wie staatlich. Doch am meisten ehrte ihn wohl das bleibende Vertrauen, das viele Menschen – auch über politische Lager hinweg – in seine Urteilskraft setzten.

Er wurde auf dem Neustifter Friedhof beigesetzt. Die Republik hat mit ihm eine jener Persönlichkeiten verloren, deren Lebensweg ein Stück ihrer eigenen Geschichte spiegelt: Aufbruch aus den Ruinen, Dienst an der Gemeinschaft, Glaube an die Kraft von Vernunft und Bildung.

Quelle: https://de.wikipedia.org/

Bild: SPÖ Presse und Kommunikation, Foto: Thomas Lehmann – Geburtstagsfest für Hannes Androsch und Karl Blecha, 21.04.2013 , lizenziert unter CC BY-SA 2.0

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