Am 30. Oktober 1927 verstarb Franz Siegel, eine herausragende Persönlichkeit in der Geschichte des sozialen Wohnungsbaus und der Stadtentwicklung in Wien. Obwohl sein Name heute nur noch wenigen bekannt ist, war er ein bedeutender Arbeiter, ein Maurer, Gewerkschafter und Politiker, der einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der Gemeindebauten und zur Verbesserung der Lebensqualität der Wiener Bevölkerung leistete.
Eine vielseitige Karriere
Franz Siegel wurde am 15. Juni 1876 in Perchtoldsdorf geboren und erlernte das Maurerhandwerk. Früh schloss er sich der Gewerkschaftsbewegung an und engagierte sich leidenschaftlich für die Rechte der Arbeiter. Dieses Engagement führte ihn in die Politik, wo er eine wichtige Rolle spielen sollte.
Franz Siegel wurde zum ersten Bauinspektor Österreichs ernannt und übernahm später das Amt des Stadtrats für technische Angelegenheiten. In dieser Funktion setzte er sich nachdrücklich für die Modernisierung und technische Grundausstattung der Gemeindebauten in Wien ein. Er erkannte die Bedeutung von sanitären Anlagen, Elektrizität und modernen Wohnbedingungen für das Wohlbefinden der Menschen.
Der Wegbereiter des „Colonia-Systems“ der Müllentsorgung
Eine seiner herausragenden Leistungen war die Einführung des „Colonia-Systems“ zur Müllentsorgung in Wien. Dieses System revolutionierte die Abfallwirtschaft und machte Wien zu einer der saubersten Städte Europas. Es beruhte auf der Idee, Abfall in speziell entwickelten Sammelstellen, den sogenannten „Colonias“, zu sammeln und zu sortieren. Dieses System setzte Maßstäbe für die moderne Stadthygiene und trug maßgeblich zur Verbesserung der Lebensqualität der Wiener Bevölkerung bei.
Der erste Wohnbaustadtrat des „Roten Wiens“
Franz Siegel war auch ein Schlüsselfigure des „Roten Wiens“. Als erster Wohnbaustadtrat des „Neuen Wiens“ spielte er eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung des ambitionierten sozialen Wohnungsbauprogramms. Unter seiner Führung entstanden zahlreiche Gemeindebauten, die nicht nur Wohnraum für die ärmeren Schichten der Bevölkerung schafften, sondern auch moderne architektonische Ansätze verfolgten. Siegel war ein Befürworter von funktionalem und sozialem Wohnungsbau, der auf Licht, Luft und Grünflächen setzte, um die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern.
Wegbereiter der Feuerbestattung
Franz Siegel trug nicht nur zur Verbesserung der städtischen Lebensbedingungen bei, sondern hinterließ auch einen bleibenden Eindruck im Bereich der Bestattungskultur in Österreich. Als Pionier führte er die Idee der Feuerbestattung in seinem Land ein. Diese Innovation brachte eine Alternative zur traditionellen Erdbestattung und ermöglichte eine effizientere Nutzung von Friedhofsflächen. Siegel erkannte die Vorteile der Feuerbestattung hinsichtlich Platzersparnis und Umweltfreundlichkeit und setzte sich dafür ein, dass sie in Österreich Fuß fasste. Sein Beitrag zur Modernisierung von Bestattungspraktiken spiegelt sein fortschrittliches Denken und seinen Einsatz für zeitgemäße Lösungen wider.
Ein vergessenes Erbe
Trotz seiner wegweisenden Beiträge zur Stadtentwicklung und zum sozialen Wohnbau ist Franz Siegel heute weitgehend vergessen. Dies mag zum Teil daran liegen, dass er in den Schatten anderer prominenter politischer Figuren seiner Zeit trat. Dennoch verdient er unsere Anerkennung und Erinnerung für sein leidenschaftliches Engagement, das das Gesicht Wiens nachhaltig veränderte.
Der 96. Todestag von Franz Siegel sollte uns daran erinnern, wie bedeutend sein Beitrag zur sozialen Entwicklung der Stadt Wien war. Seine Ideen und Innovationen im Bereich des sozialen Wohnungsbaus und der städtischen Infrastruktur haben die Lebensqualität der Wiener Bevölkerung nachhaltig verbessert und sind ein wertvolles Erbe, das es zu schätzen gilt.
Franz Siegel mag heute vielleicht im Schatten der Geschichte stehen, aber seine Arbeit und sein Einsatz haben Wien zu einer lebenswerteren Stadt gemacht und verdienen unsere Anerkennung und Wertschätzung.
Quelle:
Foto: Ottakringer Friedhof – Michael Kranewitter