Bertolt Brecht: Episches Theater, politische Kunst – und eine vielschichtige Österreich-Spur
Bertolt Brecht (eigentlich Eugen Berthold Friedrich Brecht) wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. Er zählt zu den prägendsten Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts: als Dramatiker, Lyriker, Librettist, Prosaautor und Theatertheoretiker. Brecht entwickelte das epische bzw. dialektische Theater – eine Bühnenform, die nicht Illusion erzeugen, sondern gesellschaftliche Verhältnisse erkennbar, diskutierbar und veränderbar machen soll. Zu seinen international bekanntesten Werken gehören etwa „Die Dreigroschenoper“, „Mutter Courage und ihre Kinder“ und „Der kaukasische Kreidekreis“.
Früher Erfolg und weltweites Repertoire
Schon als Jugendlicher begann Brecht zu schreiben; nach dem Ersten Weltkrieg wurde er rasch zu einer der innovativsten Stimmen des deutschsprachigen Theaters. Seine Stücke und Texte – darunter auch „Im Dickicht der Städte“, „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, „Die Maßnahme“, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ oder „Furcht und Elend des Dritten Reichs“ – sind bis heute fester Bestandteil der Theaterlandschaft weltweit.
Brecht und Österreich: Begegnungen, Aufführungen, Konflikte
Private und künstlerische Verbindungen nach Wien
Brecht war eng mit Österreich verbunden – privat wie beruflich. Zentral ist seine Beziehung zur aus Wien stammenden Schauspielerin Helene Weigel, mit der er seit 1923 liiert war und die er 1929 heiratete. Auch in seinem Netzwerk spielte Wien eine Rolle: In der Fluchtphase 1933 traf er in Wien auf andere Emigrierte wie Hanns Eisler und Peter Suhrkamp; finanzielle Unterstützung kam damals auch von Karl Kraus, mit dem Brecht bereits länger bekannt war.
Frühe Österreich-Aufführungen und Wiener Publikumserfolge
Brecht wurde schon früh in Österreich gespielt:
- 1925 kam „Trommeln in der Nacht“ in Graz zur Aufführung (über die „Arbeiterbühne“).
- 1926 folgte die österreichische Erstaufführung von „Baal“ am Theater in der Josefstadt.
- Ein echter Wiener Publikumserfolg wurde 1929 „Die Dreigroschenoper“ am Raimund-Theater – mit über hundert Wiederholungen.
- 1932 wurde „Mahagonny“ in Wien von der Kritik großteils abgelehnt, beim Publikum aber stark angenommen; die Mitwirkung von Lotte Lenya (aus Wien, Ehefrau von Kurt Weill) trug wesentlich dazu bei.
Wien 1933: Zwischenstation der Flucht
Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 flohen Brecht und Weigel über Prag nach Wien und wurden dort von Weigels Familie unterstützt. Der Aufenthalt hinterließ Spuren – unter anderem im (unvollendeten) satirischen Projekt „Briefe um Deutschland“. Mitte März ging es weiter nach Zürich und anschließend ins lange skandinavische Exil. Von dort hielt Brecht Kontakt zu Wiener Bekanntschaften, darunter auch Otto Neurath, und beschäftigte sich mit österreichischer Geschichte – etwa mit dem Bürgerkrieg 1934; auch eine „Koloman Wallisch-Kantate“ blieb Fragment.
Schweizer Uraufführungen mit österreichischen Exilkünstlern
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schauspielhaus Zürich zu einem zentralen Ort für Brecht-Uraufführungen, darunter „Mutter Courage“ (1941), „Der gute Mensch von Sezuan“ (1943) und „Leben des Galilei“ (1943). Bedeutend ist dabei die Mitwirkung österreichischer Exilschauspieler wie Wolfgang Heinz, Karl Paryla und Hortense Raky. Nach 1945 spielten einige von ihnen ab 1948 am Wiener „Neuen Theater in der Scala“ (auch in Brecht-Produktionen) – und gerieten rasch in die Frontlinien des Kalten Kriegs.
Staatsbürgerschaft und „Brecht-Boykott“
1948 wandte sich Brecht mit dem Projekt einer neuen „Jedermann“-Fassung („Totentanz“) an Gottfried von Einem (Salzburger Festspiele). Damit verbunden war auch der Plan, die österreichische Staatsbürgerschaft zu beantragen – gestützt auf Weigels ursprünglichen Status. Mit Einems Unterstützung wurden Brecht und Weigel im April 1950 österreichische Staatsbürger. Die Debatte eskalierte jedoch später öffentlich: Einem verlor sein Amt, die Einbürgerung wurde zum Skandal.
Parallel verschärfte sich in Wien die kulturpolitische Polarisierung: Publizisten und Theaterakteure wie Friedrich Torberg, Hans Weigel und Ernst Haeusserman mobilisierten gegen Brecht-Aufführungen. Es kam zum sogenannten „Brecht-Boykott“: Von 1952 bis Anfang 1963 spielte – abgesehen von der Scala – kein Wiener Theater Brecht.
Brecht im Kontext sozialdemokratischer Bildungsarbeit
Brecht ist für politische Bildung nicht nur wegen seiner Inhalte relevant, sondern wegen seiner Methode: Er wollte Kunst so gestalten, dass Menschen nicht passiv mitfühlen, sondern analysieren, streiten, urteilen. Seine Texte machen Machtverhältnisse, Krieg, Ausbeutung und Anpassung sichtbar – und stellen immer wieder die Frage, welche Handlungsspielräume Gesellschaften haben. Gerade die österreichische Rezeptionsgeschichte – von frühen Erfolgen über Exilnetzwerke bis zum Boykott – zeigt zudem, wie eng Kultur, Ideologie und Demokratiefragen miteinander verbunden sind.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bertolt_Brecht
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Bertolt_Brecht
Titelbild: via: https://de.wikipedia.org/wiki/Bertolt_Brecht#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-W0409-300,_Bertolt_Brecht.jpg
