Margarete Schütte-Lihotzky, die erste Architektin Österreichs, starb vor 25 Jahren. 1930 zog es sie aus beruflichen und politischen Motiven nach Moskau, wo sie sich intensiv mit dem Entwurf von Kindermöbeln auseinandersetzte. Ihr Ansatz war dabei innovativ, da sie sowohl die Bedürfnisse von Eltern als auch von Kindern in den Mittelpunkt stellte. Eine Auswahl ihrer Werke aus dieser Zeit ist momentan in einer Ausstellung in Wien zu sehen.
Die Ausstellung „Moskau Material. Margarete Schütte–Lihotzkys Entwürfe für Kindermobiliar“ kann noch bis zum 5. April 2025 in der Universitätsgalerie der Angewandten im Heiligenkreuzerhof, im 1. Wiener Bezirk, besucht werden. Nähere Infos gibt es hier: https://kunstsammlungundarchiv.at/sammlung-kunst-architektur-design/projekte/moskau-material-ausstellung/
Zum Thema: Margarete Schütte-Lihotzky: Architektin der sozialen Innovation
Margarete Schütte-Lihotzky, geboren 1897 in Wien, zählt zu den ersten Frauen, die in Österreich Architektur studierten. In den Jahren 1915 bis 1919 besuchte sie die Wiener k.k. Kunstgewerbeschule, heute die Universität für Angewandte Kunst Wien. „Es war eine Zeit, in der es kaum vorstellbar war, dass eine Frau in der Architektur eine führende Rolle übernehmen würde“, erklärt Cosima Rainer, die Leiterin der Kunstsammlung und des Archivs der Universität. 2000 verlor Österreich eine der bedeutendsten Architektinnen des Landes, die als „erste Architektin“ in die Geschichte einging.
Pragmatische Innovationen im Architekturbereich
Der Nachlass von Schütte-Lihotzky, der rund 10.000 Objekte umfasst, darunter Skizzen, Fotografien und private Korrespondenzen, befindet sich in der Kunstsammlung und dem Archiv der Angewandten. Einige ihrer Arbeiten aus der Zeit von 1930 bis 1937, als sie in Moskau lebte, sind aktuell in der Universitätsgalerie im Heiligenkreuzerhof in Wien zu sehen. „Wir wollten die Architektin selbst zu Wort kommen lassen“, erklärt Robert Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sammlung und Kurator der Ausstellung „Moskau Material“. Der Fokus der Ausstellung liegt auf Schütte-Lihotzkys einzigartigem Gestaltungsansatz, der sich durch Funktionalität, Praktikabilität und Nachhaltigkeit auszeichnet – Prinzipien, die auch in der heutigen Architektur von Bedeutung sind.
Neue Konzepte für das tägliche Leben
In den 1920er Jahren arbeitete Schütte-Lihotzky in Frankfurt im Team von Stadtplaner Ernst May und war maßgeblich an der Entwicklung der „Frankfurter Küche“ beteiligt – einer Einbauküche, die speziell dazu konzipiert wurde, den häuslichen Arbeitsaufwand zu minimieren. Als sich die politische und wirtschaftliche Lage in Deutschland verschlechterte, zog sie mit ihrem Ehemann und May in die Sowjetunion.
In Moskau widmete sich Schütte-Lihotzky dem Design von Kindermöbeln. Beide, sie und ihr Ehemann Walter Schütte, waren begeistert von der Möglichkeit, nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Städte zu gestalten. Die Ausstellung „Moskau Material“ beleuchtet vor allem zwei Projekte: ein Möbelstück für eine Kinderkrippe und eines für einen Privathaushalt. Robert Müller betont, dass Schütte-Lihotzkys Arbeiten stets auf die Verbesserung der Lebensbedingungen abzielten und ihre Entwürfe eine klare soziale Ausrichtung zeigten.
Kinder als Gestaltungsfokus
In ihren Möbelentwürfen, die sich durch eine besonders platzsparende und vielseitige Nutzung auszeichnen, kommt Schütte-Lihotzkys innovative Denkweise klar zum Ausdruck. So dienen Betten als Regale, Hochstühle lassen sich in Schreibtische verwandeln. Besonders bemerkenswert ist ihr Ansatz, die Bedürfnisse von Kindern zu berücksichtigen, was zu jener Zeit revolutionär war. „Kinder wurden häufig als kleine Erwachsene betrachtet, auf deren spezifische Bedürfnisse in Architektur und Design nicht eingegangen wurde“, erklärt Müller. Schütte-Lihotzky hingegen berücksichtigte ergonomische Anforderungen und legte Wert auf die Verbesserung der Wohnsituation sowie der sozialen Interaktionen von Eltern und Kindern. Ein besonders innovativer Aspekt ihres Entwurfs war die Möglichkeit für Kleinkinder, bereits am Esstisch teilzunehmen – eine neuartige Idee zu dieser Zeit.
Ein sozialer Reformanspruch in der Architektur
Die Arbeiten von Schütte-Lihotzky, auch ihre „Moskau Material“-Projekte, verdeutlichen stets ihren sozialreformerischen Ansatz. „Sie war eine der Pionierinnen der sozialen Architektur“, erklärt Cosima Rainer. Die Ausstellung ist nicht nur eine Hommage an die Architektin, sondern auch Teil eines umfassenden Digitalisierungsprojekts, das ihren Nachlass zugänglich machen soll.
Durch diese Initiative eröffnen sich neue Forschungsfelder zu Leben und Werk Schütte-Lihotzkys. „Mit der Ausstellung und dem Digitalisierungsprojekt möchten wir das Verständnis für ihre Arbeiten und ihr Erbe weiter vertiefen“, so Rainer. Die Ausstellung „Moskau Material“ bietet einen tiefen Einblick in einen besonders prägnanten Abschnitt im Leben der Architektin und trägt dazu bei, ihr einzigartiges Erbe zu bewahren.
Quelle/Link: https://science.orf.at/stories/3229503
Bild: Margarete Schütte-Lihotzky, 1997, CC BY-SA 2.0 Foto privat. Author: Werner Faymann. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Sch%C3%BCtte-Lihotzky#/media/Datei:Margarete_Sch%C3%BCtte-Lihotzky_1997.jpg
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