Eine Wanderausstellung der Gedenkstätte Lager Sandbostel in Niedersachsen widmet sich Kindern aus in der NS-Zeit verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen.
Während der Zeit des Nationalsozialismus waren freundschaftliche und intime Kontakte zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen unerwünscht. Zum Teil waren sie streng verboten. Doch sie sind „trotzdem da“: Kinder, die aus solchen Beziehungen hervorgegangen sind, und heute um die 80 Jahre alt sind. Ihre Geschichten wurden lange tabuisiert. Sie sind wissenschaftlich wenig erforscht und in der Erinnerungskultur kaum präsent. Die Wanderausstellung „trotzdem da! – Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen“ ist ihren Lebensgeschichten gewidmet.
Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges mussten rund 13 Millionen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen im Deutschen Reich arbeiten. Bei freundschaftlichen oder intimen Kontakten mit Deutschen konnten beiden Seiten hohe Strafen drohen. Sie reichten von Gefängnisstrafen über die Einweisung in ein Konzentrationslager bis zur Todesstrafe. Dennoch wurden Kinder aus solchen Beziehungen geboren.
Viele Kinder aus verbotenen Beziehungen wussten lange nicht, dass ein Elternteil Kriegsgefangener oder Zwangsarbeiter*in gewesen war. Häufig wurden sie dennoch als uneheliches Kind und nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechend stigmatisiert. Immer wieder wurden sie rassistisch beleidigt und diskriminiert. Viele suchten Jahrzehnte nach einem unbekannten Elternteil – in manchen Fällen mit Erfolg. Mehr als 20 Kinder aus verbotenen Beziehungen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden konnten ausfindig gemacht und für das Projekt „trotzdem da!“ gewonnen werden. Zwei Treffen in der Gedenkstätte Lager Sandbostel waren für viele die erste Begegnung mit Menschen, die eine ähnliche Biografie haben wie sie. Für einige war es auch das erste Mal, dass sie mit Fremden über ihre Geschichte sprachen. Mit ihren Erinnerungen, Dokumenten und Fotos haben die Teilnehmer*innen die entscheidende Grundlage zur Verwirklichung der Ausstellung gelegt.
Die Ausstellung
Die in der Ausstellung zentralen Biografien zeigen exemplarisch Gemeinsamkeiten, aber auch die Vielfältigkeit in den Lebensläufen der Projektteilnehmer*innen auf. In Ausschnitten aus Video-Interviews kommen die Protagonist*innen dabei selbst zu Wort. Auch die Geschichten der (leiblichen) Eltern werden nachvollzogen. Ergänzend wird in jeder Biografie ein mit der Lebensgeschichte verbundenes historisches Thema vertiefend behandelt.
Zahlreiche Lebensgeschichten von Kindern aus verbotenen Beziehungen können nicht erzählt werden. Eine zusätzliche „Biografie“, die des „unbekannten Kindes“, greift diese Leerstellen auf. Eine historische Begleitebene bettet die Lebensläufe der Kinder aus verbotenen Beziehungen und ihrer Eltern in den Kontext der jeweiligen Zeit ein: Von dem Strafbestand des „verbotenen Umgangs“ während des Nationalsozialismus, über das Aufwachsen in der Nachkriegszeit, der Suche nach unbekannten Elternteilen und Familien bis zur Aufarbeitung und Erinnerung an die Verfolgungsgeschichten. Schließlich wird auch der Verlauf des Projekts „trotzdem da!“ in der Ausstellung dargestellt.
Die Geschichte der Eltern von Hannes
An Georgios Pitenis’ 22. Geburtstag, dem 6. April 1941, griff das Deutsche Reich wie ein halbes Jahr zuvor das faschistische Italien Griechenland an. Nach einem Jahr deutscher Besatzungsherrschaft wurde Georgios zur Zwangsarbeit ins Reich, in die „Ostmark“, verschleppt. Zeitweise musste er mit Hacke und Spaten Panzersperrgräben ausheben – eine besonders schwere Tätigkeit. In Wien, vermutlich auf dem Weg zu einer Arbeitsstelle, lernte Georgios Elisabeth kennen. Sie verliebten sich und hatten eine heimliche Beziehung. Als 1945 der Zweite Weltkrieg endete und Georgios nach Griechenland zurückkehrte, wusste er, dass er einen Sohn hat. Zweimal versuchte er vergeblich, in die sowjetische Besatzungszone in Österreich, in der Elisabeth und Hannes lebten, einzureisen. Ob auch Elisabeth sich um ein Wiedersehen mit Georgios bemüht hat, ist nicht bekannt. Die beiden hielten jedoch Briefkontakt.
Text von: Gedenkstätte Lager Sandbostel / Gerald Netzl
Web-Tipp: http://www.trotzdemda.de
Foto: Trotzdem da_1.jpg Credit: Gedenkstätte Lager Sandbostel
Text: O-Ton von Volkmar „Hannes“ Harwanegg, Sohn einer Österreicherin und eines griechischen Zwangsarbeiters und stv. Bundesvorsitzender unseres Bundes: „Meine Mutter und mein Vater schafften es, ihre große Liebe geheim zu halten. Daraus entstand ich.“
Quelle „Der Sozialdemokratische Kämpfer 1_2_3_2025“
Hier geht es zur gesamten Ausgabe: http://www.freiheitskaempfer.at/wp-content/uploads/2025/03/Kaempfer-1_2_3_2025.pdf