19. Dezember 2022: Die Weihnachten meiner Kindheit, eine Erinnerung von Rudolf Sarközi († 2016)

November 1951, vor kurzem hatte ich den siebenten Geburtstag. Ich gehe bereits zur Schule und bin in der ersten Klasse der Volksschule Unterschützen, einer Klasse, in der
Schüler der ersten bis dritten Schulstufe waren. Die Natur hatte sich verändert und der Spätherbst war da. Die Bauern ernteten das Obst und Gemüse und lagerten das Geerntete in den Vorratsräumen für den Winter ein. Auch so manches Hausschwein wurde geschlachtet zu Geselchten und Würsten verarbeitet. Wir Roma hatten nichts zu
ernten und schon gar nichts zum Konservieren. Die Luft hatte einen eigenartigen Geruch. Es roch nach Hausbrand und abgebranntem Stroh von den Feldern. Durch
die kurzen Tage, den Nebel und die Kälte zog man sich gerne in die behagliche Wärme der Küche zurück. Der frühe Abend gibt Zeit zum Nachdenken, zum Erzählen und über Wünsche nachzudenken, stehen doch die Weihnachten in Blickweite. Ein gebratener Apfel oder Erdäpfel aus dem Backrohr des Holzofens beendeten den Tag.
Ein Abendessen gab es nicht mehr.

Wir Roma von Unterschützen wohnten außerhalb der Gemeinde auf freiem Feld, zwischen Ortsende und dem Bahnhof. Zwei Häuser auf freiem Feld, keine Büsche und
Bäume, die vor dem kalten Wind, der vom Wechsel, auf dessen Gipfeln bereits der Schnee zu sehen war, herüber blies, den Häusern Schutz gegeben hätten. Zwei Häuser, nicht größer als 110m2 zum Wohnen und Leben, ohne elektrisches Licht, sanitäre Einrichtung und Fließwasser. Fünf Familien, bestehend aus neun Erwachsenen und neun Kindern. Für Menschen, die vor sechs Jahren aus dem Konzentrationslager zurückkehrt sind.

Eine Cousine, zwei Cousins und ich sind im Konzentrationslager Lackenbach geboren.
1939 lebten 159 Roma in Unterschützen, unweit vom heutigen Wohnplatz. Die alte Siedlung wurde dem Erdboden gleichgemacht. Eine Rückkehr war nicht erwünscht. Elf Personen von diesen 159 Menschen überlebten. Das Wasser für den täglichen Gebrauch
holten wir uns aus dem nahe fließendem Bach. Dieses Wasser teilten wir uns mit den Wassertieren.

Der Winter stellte uns Jahr für Jahr vor große Probleme. Woher sollen wir das Brennmaterial bekommen? Wir hatten keinen Wald. Vor allem kein Geld, um Brennstoff zu kaufen. Ich hatte schon die Bahn erwähnt, die in unserer Nähe vorbeifuhr. Mit dieser Bahn wurde die Kohle vom Kohlenbergwerk Tauchen befördert. Solange der Schnee
nicht den Bahndamm zudeckte, konnten wir die Kohle die entlang der Bahnstrecke von den Waggons fielen, einsammeln. Die Menge reichte manchmal für zwei bis drei
Tage um heizen und kochen zu können. Meine Mutter war Alleinerzieherin von zwei Kindern. Mein Vater verließ uns 1946 vor der Geburt meiner Schwester. Um uns zu
ernähren und einkleiden zu können, musste sie jede Art von Hilfsarbeit annehmen. Der Lohn dafür waren Lebensmittel: Schmalz, Eier, Mehl und Brot sowie gebrauchte und abgetragene Kleider. Die Armut war unser ständiger Gast.

Weihnachten
Der Heilige Abend rückte immer näher und wir Kinder, vor allem die Jüngeren, glaubten noch ans Christkind. Ein Christbaum und etwas Süßigkeiten. Einen Baum
zu schmücken, gehörte zur weihnachtlichen Glückseligkeit. Der Christbaum, eine Fichte, wurde bei Dunkelheit und in aller Stille aus dem Gemeindewald geholt. Wir
hatten keinen eigenen Wald. Der Baum musste auch nicht groß sein. Vier Astreihen mit einem schönen Gipfel reichte aus. Unsere Wohnung die aus einem kleinen Raum
bestand, in dem auf 20m2 vier Personen lebten, hätte für einen großen Baum keinen Platz gehabt. Für uns war es ein schöner Baum. Die Süßigkeiten, um den Baum zu
schmücken, bekam meine Mutter von Frau Gangoly, die in Oberwart einen kleinen Gemischtwarenladen besaß. Frau Gangoly, eine Burgenland-Ungarin, wusste, wie arm wir waren und welches Leid uns angetan worden war. Am Goldenen Sonntag, dem letzten Sonntag vor dem Heiligen Abend, stand das
Päckchen mit den Süßigkeiten bereit.

Kein großer Freudentag
Der Weihnachtsabend war kein Tag großer Freude. Es war ein Abend der Besinnung, des Nachdenkens und der Traurigkeit. Was meine Mutter am meisten neben der Armut quälte, war die Ungewissheit, ob ihre Eltern noch leben würden. Von 28 Familienangehörigen haben mit ihr nur die Brüder Ernst und Alexander überlebt.
Nachdem die Kerzen am Christbaum brannten, gab es Worte des Trostes kombiniert mit den besten Glückwünschen. Obwohl an diesem besinnlichen Abend Trauer
und Wehmut über den Verlust der Familie herrschte, waren sie froh, überlebt zu haben. Zögernd kam im Verlaufe des Abends Freude auf, denn sie mussten für die Kinder da sein. Wir Kinder verstanden nicht so recht den Gemütszustand der Erwachsenen. Meine Onkel sowie Franz waren Musiker. Die Familien setzten sich zusammen. Ernst mit der Geige, Alex mit der Bassgeige und Franz mit der Gitarre fingen zu spielen an, damit etwas Stimmung aufkommt. Kein „Stille Nacht“, kein „Oh Tannenbaum“ erklang, sie spielten und sangen die Lieblingslieder der in den KZ ermordeten Familienmitglieder und sprachen über sie. So kehrten sie an diesem besinnlichen Abend wieder für eine kurze Zeit in die Mitte der Familie zurück.

Zu Essen und Trinken gab es nichts Besonderes. Doch an eines erinnere ich mich noch gerne, nämlich an den selbst gemachten Eierlikör. Auch wohl deshalb, weil wir, die größeren Kinder, mit der Zungenspitze etwas davon kosten durften. Wir Roma von Unterschützen sind katholisch. Die Unterschützener waren zu 95 Prozent evangelisch.
Wir Roma gingen in das drei Kilometer entfernte Bad Tatzmannsdorf in die katholische Kirche. Am Christtag war die Kirche in Bad Tatzmannsdorf bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Pfarrer hatte das feierliche Messgewand angezogen. Auch bei den Gläubigen war sehr deutlich zu sehen, wer was vom Christkind bekommen hat. Der
Pfarrer sprach in seiner Predigt über Maria und Josef, von der Herbergssuche, vom Jesuskind, das in Bethlehem in einem Stall zwischen Kühen, Schafen, Eseln und Ziegen
geboren wurde. Die Tiere sorgten dafür, dass das Jesuskind warmgehalten wurde. Der Gedanke nach Wärme und der Umstand, arm zu sein, war mir nicht fremd. Ich hatte
nicht einmal einen Wintermantel, der mich vor der Kälte geschützt hätte. Meine Mutter war ein sehr gläubiger Mensch. Sie übte ihren Glauben ohne Kirche aus. Auch wohl
deshalb, weil uns die Kirche in der schweren Zeit der Verfolgung keinen Schutz gab und auch danach keine Hilfe anbot.

Die Weihnachtsferien waren für uns viel zu schnell zu Ende. Am ersten Schultag zeigten die Kinder der wohlhabenden Bauern ihre Weihnachtsgeschenke. Wir Roma-Kinder hatten nichts vorzuzeigen. Uns blieben nur die Süßigkeiten vom Weihnachtsbaum. Viele Jahre meiner Kindheit verliefen die Weihnachten in ähnlicher Weise.

Wie verbringe ich jetzt meine Weihnachten? Ich möchte nicht all jene Geschenke und feinen Sachen, die unter dem Christbaum liegen und auf den mit Delikatessen und guten Getränken reichlich gedeckten Tisch, aufzählen. Auch ich gehöre zu jenen Menschen, die im Wohlstand leben und sich daran erfreuen.

Vergessen habe ich nicht den Heiligen Abend und die Weihnachten meiner Kindheit, als die Armut ständiger Gast bei uns war. Den Schmerz, das Leid, die Not meiner Verwandten. In meiner Erinnerung werden sie mir immer erhalten bleiben.


Quelle: Romano Kipo 4/2020

Aus Kämpfer

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