21. Juni 2021: 150. Geburtstag Amalie Pölzer – Ein Leben für die Sozialdemokratie (*21.6.1871, †8.12.1924)

Amalie Pölzer (geborene Baron), die Namensgeberin des Favoritner Amalienbad – jener „Kathedrale der Hygiene“ im Art-Deco-Stil –, ist das heute bekannteste Mitglied sowie Dreh- und Angelpunkt einer sozialdemokratischen Familie aus Wien, wie sie idealtypischer kaum sein kann. Ihr Großvater – Ziegelmeister bei den Wienerberger Ziegelwerken, ein „Ziegelböhm“ – ist derjenige, der Victor Ader in die Brennerei schmuggelt, wo er Material für seine berühmte Sozialreportage „Die Sklaven von Wien“ sammeln und die unmenschlichen Zustände anprangern kann.

Amalie besucht die Volks- und Bürgerschule und erlernt den Beruf der Weißnäherin, der typische Lehrberuf für Mädchen in dieser Zeit, der frühes Aufstehen verlangt und Arbeitszeiten bis spät in die Nacht mit sich bringt. Mit Hilfe ihres Vaters schreibt sie sich in den Verein „Bildungsquelle“ ein, was sie nicht nur vor ihrer Mutter geheim hält, gelten „Sozialist*innen“ damals als „Proleten-Gesindel“. Amalie macht sich selbständig, um ungehindert zu Versammlungen und ihren Weg innerhalb der Sozialdemokratie gehen zu können. Sie wird Funktionärin in der Unterrichtssektion der Bildungsquelle und betreut die Bibliothek. Zusätzlich avanciert sie zur Schriftführerin der Gewerkschaft der Bekleidungsindustrie sowie zur Obmann-Stellvertreterin des Lese- und Diskutierklubs „Libertas“, wo sie auch Bekanntschaft mit Adelheid Popp schließt.

Am 9.7.1893 organisiert sie eine Massenversammlung von Frauen aus allen Wiener Bezirken vor dem Rathaus, bei der sie das freie, unmittelbare, gleiche und persönliche Wahlrecht für Männer und Frauen fordern. „Maltschi“ kämpft ihr Leben lang unermüdlich für die Partei-Frauenorganisation und die Rechte der Frauen.

Gemeinsam mit ihrer Jugendliebe Johann „Schani“ Pölzer, einem Keuschlerbuben aus Südmähren, der zum Vertrauten Victor Adlers aufsteigt, und anderen jungen Interessierten übernimmt sie 1894 die sozialdemokratische Bezirkspartei Favoriten, die Johann zu einer mächtigen Organisation mit eigenem „Arbeiterheim“ aufbaut. Als einer der ersten Aktionen initiieren sie einen Boykott der Favoritner „Ankerbrot“, die einige Bäckereimitarbeiter ausgesperrt haben, nachdem diese die unmenschlichen Zustände in der Fabrik anprangerten.

Am 18.2.1898 heiraten „Maltschi“ und „Schani“. Ihre drei Kinder sind ebenfalls tief mit der Sozialdemokratie verwurzelt: Alois (1897-1957, Obmann der Sozialversicherung der Österreichischen Eisenbahnen), Amalie Strauss-Ferneböck (1899-1987, seit ihrem Schulabschuss Sekretärin und enge Vertraute von Karl Renner) und Johann jun. (1903-1964). Letzterer wird nach dem 1. Weltkrieg jüngster Betriebsratsobmann im E-Werk Engerthstraße und gibt als solcher am 12.2.1934 mit der Stromabschaltung das Signal für den (geplanten) Generalstreik, der im „Februaraufstand“ endet; auch 1945 ist er wieder zur Stelle, diesmal, um die Stromversorgung Wiens vor den nationalsozialistischen Sprengkommandos zu bewahren und um eine demokratische Gewerkschaft aufzubauen. Er wird Generalsekretär, später Vorsitzender der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, wie seine Mutter Wiener Gemeinderat und Abgeordneter zum Nationalrat.

1901 gründet Amalie den „Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen“ und wird Vorsitzende der Sozialdemokratischen Frauenorganisation Niederösterreichs. 1918 wird sie in den Wiener Gemeinderat gewählt. 1923 gründet sie die Frauenzeitschrift „Die Unzufriedene“. 1924 stirbt Amalie Pölzer im Alter von nur 53 Jahren unerwartet an den Folgen einer Darmoperation. An sie und ihre Familie erinnert auch seit 1949 der „Pölzerhof“ (10., Dampfgasse 35-37), eine 1926/27 errichtete Wohnhausanlage der Gemeinde Wien).

1. Reihe: Marie Schuller, Anna Boschek, Therese Schlesinger, Amalie Seidel, Adelheid Popp, Gabriele Proft 2. Reihe: Josefine Deutsch, Marie Münzker, Amalie Pölzer, Marie Bock, Emmy Freundlich, Anna Kaff, Olga Hönigsmann, Mathilde Eisler

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